Archiv für August 2007

Rette sich, wer kann – Pro7 und Survivor

August 31, 2007

ProSieben setzt in seiner neuen Sendung 18 eigenwillige Kandidaten auf einer Insel aus und veranstaltet einen Wettkampf-Marathon. Das an die Grenzen des Ertragbaren reichende Format ist allerdings alles andere als ein TV-Novum.

Schöner könnte die Kulisse einer TV-Show nicht sein: eine unbewohnte Insel im Südchinesischen Meer. Prächtige Palmen, weiße Sandstrände und türkisfarbenes Wasser prägen das neue zu Hause für die 18 Kandidaten der Insel-Show. Neben neun meist muskulösen und blendend aussehenden Männern stranden auch ebenso viele weibliche Schönheiten im ProSieben-Paradies. Bunt gemischt werden die Kandidaten in zwei Teams geteilt und an verschiedenen Stränden des Eilands ausgesetzt – nur mit dem Nötigsten an Nahrung, Kleidung und Werkzeugen versorgt.

In regelmäßigen Wettkämpfen müssen die beiden Teams mit den schmuckvollen Namen „Tasik“ und „Gunung“ gegeneinander antreten. Die Gruppen kämpfen in so spannenden „Challenges“ wie Floß fahren oder Puzzeln um einen wertvollen Preis, der das Leben auf der Insel erleichtern soll. Bisher konnten sich die Gewinner über einen Feuerstein und eine Angel freuen. Im Inselrat muss das Verliererteam schließlich per geheimer Wahl ein Gruppenmitglied aus den eigenen Reihen nach Hause schicken. Dieses Ritual wiederholt sich so oft, bis nur noch ein „Survivor“ übrig bleibt. Der Sieger wird mit einer Summe von 250.000 Euro für sein Durchhalten belohnt.

Erlebnispädagogik für Individualisten

Kaum auf der Insel angekommen, bilden sich bereits erste soziale Strukturen heraus. Während die einen zunächst die neue Umgebung genießen wollen und sich bei Anblick der heimischen Flora zu Glückstränen rühren lassen, packen die anderen die Äxte aus und zimmern eine Unterkunft. Angespornt von einer solchen Betriebsamkeit, durchforstet der Rest des Teams die Umgebung nach genießbaren Beeren und schmackhaften Tieren. Als die Sammler sich jedoch ohne Beute zurück an den Strand wagten, kam der erste Groll im Team „Tasik“ auf.

Der Unmut wird in dieser frühen Phase des Abenteuers allerdings noch nicht an die betreffenden Personen selbst gerichtet, sondern kommt vielmehr in konspirativen Gesprächen abseits des Geschehens zum Ausdruck. Die Kamera ist stets Zeuge der Lästereien, so dass der Fernsehzuschauer als einziger in der Lage ist, die jeweiligen Stimmungslagen und Allianzen unter den Kandidaten einzuschätzen. Alpha-Männchen Michael entwickelte schnell ein besonderes Talent zur Diskreditierung seiner Mitstreiter und attestierte seiner Teamkollegin Sonja mit geradezu psychoanalytischer Hingabe hinterrücks ein „faules Wesen“.

Survival of the fittest

Moderator Sascha Kalupke, der neben seiner einstigen Tätigkeit als Zuschauerbetreuer bei „Bärbel Schäfer“ auch durch das 2005 zelebrierte Stadtfest von Euskirchen führen durfte, spart in der Insel-Show nicht mit Hinweisen auf die überlebensnotwendige Teamfähigkeit der Kandidaten. „Was zählt, ist das Team. Alleine bist du nichts“, raunt es immer wieder in mahnender Tonlage über den Strand der mittlerweile nicht mehr ganz so einsamen Insel.

Und genau in diesem den Kandidaten aufgezwungenen Dilemma entfaltet sich die Brisanz von „Survivor“. Sowie den Zuschauern als auch den Kandidaten wird suggeriert, dass ein Einzelgänger in dieser Show ohne Chance bleibt. Nur der anpassungsfähige und rücksichtsvolle Neu-Insulaner kommt an sein Ziel. Das mag vielleicht für die Wettkämpfe gelten, in denen beide Gruppen geschlossen gegeneinander antreten müssen. Für den Sieg der Gesamtshow erweist sich der Teamgeist jedoch eher hinderlich. Nur ein Mitspieler wird in der finalen Folge der Sendung eine viertel Millionen Euro gewinnen.

Das TV-Format fordert offiziell den Gruppenkonsens, korrumpiert seine Realisierung allerdings durch die Spielregeln selbst. Selbstredend ist dies kein Schönheitsfehler im Konzept, sondern vielmehr die Voraussetzung für das Gelingen der Show. Denn nur wenn Intrigen geschürt werden, Allianzen gegen einzelne Kandidaten entstehen und sich die gereizte Stimmung inmitten der paradiesischen Kulisse in einem gewittergleichen Streit entlädt, bleibt der TV-Zuschauer am Ball.

Altes Konzept in neuem Gewand

Das Format von „Survivor“ ist keinesfalls eine neue Idee findiger TV-Produzenten. Die ehemalige Jurorin von „Deutschland sucht den Superstar“, Shona Fraser, importierte die Insel-Show lediglich aus dem amerikanischen Fernsehen in den deutschsprachigen Raum. Seit sieben Jahren bildet „Survivor“ bereits einen festen Bestandteil der Programmtafel des Senders CBS.

Doch auch im deutschen Fernsehen durfte der sommerlochgeplagte Zuschauer bereits des Öfteren Zeuge von zahlreichen Insel-Sendungen werden. Sat1 schickte seine Kandidaten für das „Inselduell“ bereits 2000 in das Südchinesische Meer und RTL2 war wenige Monate später mit der „Expedition Robinson“ ebenfalls reif für die Insel. Die Fernsehlandschaft Deutschlands arbeitete sich daraufhin mit weiteren Insel-Shows wie „Gestrandet“ und „Outback“ an diesem Format ab und ließ das Konzept alsbald im Sande versinken.

Mit „Survivor“ hofft ProSieben nun auf einen Gedächtnisschwund der TV-Zuschauer und hebt eine peinliche Neuauflage des längst Schiffbruch erlittenen Formats in die Primetime eines jeden Dienstags. Doch offensichtlich kann sich der Zuschauer sehr gut an die bereits abgegriffenen Insel-Spektakel erinnern und quittiert die dreiste Kopie mit miserablen Einschatquoten. ProSieben ist wahrlich keine Insel.

(c) europolitan

Gülcan Karahanci und das Sommerloch

August 13, 2007

Zahlreiche Paare, die sich nach langjährigen Beziehungen das Ja-Wort geben, legen Wert auf eine Hochzeit „im engsten Bekanntenkreis“. Die Grundsteinlegung für ein gemeinsames Leben soll in intimer Privatsphäre zelebriert werden und somit ein Maximum an Intensität erreichen. Anders bei Gülcan Karahanci und Sebastian Kamps: Die bisher nur zwei Jahre alte Beziehung sollte vor einem Millionenpublikum in den Hafen der Ehe einlaufen. ProSieben plante eine romantische Finalsendung des Formats, doch strahlte lediglich den stillosen Versuch aus, das Privatleben zweier B-Promis medial zu inszenieren.

„Lackier Dir die Nägel“

Wer die Staffel des TV-Formats aufmerksam verfolgt hat, wird bemerkt haben, dass der vereinende Kitt in der Beziehung von Gülcan und Bäckereierbe Sebastian nicht unbedingt in der Kompromissbereitschaft des Paares zu suchen ist. Als Viva-Moderatorin ist die Kommunikation selbstredend eine Stärke von Gülcan. Doch spätestens in den ersten Folgen der Hochzeits-Doku musste sie feststellen, dass es doch etwas anderes ist, auf ein paar Kameras ihres Musiksenders einzureden, als sich mit ihrem Sebastian zu verständigen.

Eindrucksvoll ließ das Paar die TV-Zuschauer daran teilhaben, wie anregend ein gepflegtes Gespräch eines Fast-Ehepaares sein kann: In einer Sternstunde der Fernsehunterhaltung verabschiedete sich Sebastian mit den Worten „Ich geh jetzt“ von seiner zukünftigen Gemahlin. Als fürsorgliche Partnerin wollte Gülcan umgehend wissen, wohin es ihren Göttergatten verschlage, doch dieser war zu keiner Auskunft bereit, sondern brummte lediglich: „Sag ich nicht. Du gehst mir echt voll aufn Sack, ey“. Schockiert hakte Gülcan mit einem herausfordernden „Wie bitte?“ nach und bekam eine nächste undiplomatische Antwort zu hören. „Du nervst. Komm, lackier dir die Nägel“.

Nicht nur Beziehungstherapeuten, die zufällig in die Show gezappt kamen, sollten ihren Spaß an diesem Dialog haben. Auch ProSieben verstand es, die durch die eigenen Kameras provozierte Entgleisung professionell zu vermarkten. Mit auf der Internetseite des Senders vertriebenen T-Shirts, Tassen und Buttons können sich begeisterte Sebastian-Fans für knapp 20 Euro nochmals vom Glanze Kamps´scher Schlagfertigkeit beeindrucken lassen.

ProSieben gegen das Sommerloch

Die Inszenierung genau solcher Konflikte rettet ProSieben über das quotenarme Sommerloch hinweg. Und wieder ist es das bekannte Erfolgsrezept, das seit „Big Brother“ unaufhaltsam Einzug in deutsche TV-Anstalten hält: die mediale Zurschaustellung des Privaten.

Der Sender strapazierte die Nerven der im Urlaub daheim gebliebenen Fernseh-Eulen für sieben lange Wochen mit einem Hochzeits-Vorspiel, das Einblick in die Beziehung der Protagonisten, deren Familien und Gewohnheiten geben sollte – alles gerahmt von zielgruppenorientierter Werbung für Pickelsalben, Damenrasierer und dem Soundtrack zur Sendung.

Der Zuschauer wusste bis zur finalen Hochzeits-Übertragung nun fast alles über das ungleich erscheinende Traumpaar. Sei es das gute Verhältnis von Gülcan zu ihrer zukünftigen Schwiegermutter, der Grundriss und die Einrichtung der gemeinsamen Wohnung oder die Tatsache, dass Gülcan keine Unterwäsche unterm Brautkleid trägt; nichts bleibt dem Publikum verborgen. Solange es Quote bringt, ist jedes brisante Detail Gold wert.

Dass die Sendung vom Großteil der deutschen Presse regelrecht zerrissen wird, erscheint dabei nur zweitrangig. Solange es ProSieben gelingt, die Gülcan-Fangemeinde vom Musikkanal Viva auf ihren eigenen Sender hinüberzuretten, geht das Konzept auf.

Hochzeit nach Drehbuch

An die flächendeckende Verkabelungen auf dem gesamten Gelände der Traumhochzeit haben sich die geladenen Gäste bereits gewöhnt. Auch die Kameras und die vom Sender mit Schildern und Tröten ausgestatteten Zaungäste können nach einiger Zeit vergessen werden. Doch was dem Event schließlich die letzte Würde raubt, ist die detailgetreue Umsetzung des Hochzeit-Drehbuchs.

Nachdem die Kameras zunächst einige Sekunden mit emotionalen Motiven zu füllen haben, werden eintreffende Gäste beim Betreten des abgesperrten Geländes gezeigt. Dann haben Freunde und Bekannte des glücklichen Hochzeitpaares die Aufgabe, gemeinsam mit Moderator Steven Gätjen Vorfreude zu inszenieren. Auf die Minute genau muss sich Gülcan in einer weißen Kutsche in den Kamerafokus ziehen lassen, während Sebastian im polierten Lamborghini 50 Meter ins Bild rollen darf.

Unzählige Kameraschnitte und Regieanweisungen später stehen Gülcan und Sebastian dann endlich vor dem Traualtar und lauschen den bedeutungsschweren Worten des Geistlichen. Für alle, die bis zu dieser entscheidenden Szene noch nicht den Sender gewechselt haben oder eingeschlafen sind, bemerkt der Kommentator, dass jetzt der romantischste Moment des Abends erreicht ist und die Gänsehaut aktiviert werden darf. „Ist das ein bewegender Augenblick“.

Für eine Handvoll Ruhm

Bleibt die Frage, warum Gülcan und Sebastian den angeblich schönsten Tag ihres Lebens unter der Regie eines TV-Formats zelebrieren wollten. Für den millionenschweren Bäckereierben Sebastian Kamps war Geld sicherlich kein Motiv. Und der fragwürdige Ruhm, den das Paar durch die Sendung erlangte, erscheint als Lohn für eine zur Farce inszenierten Eheschließung doch etwas sehr mager.

Wie ein ProSieben-Sprecher kürzlich verlauten ließ,  bleibt dem Fernsehpublikum trotz hoher Einschaltquote der Final-Sendung eine Fortsetzung der Zurschaustellung Gülcans Privatleben erspart. Vielleicht überdenkt der Sender seine Strategie aber noch einmal für den unwahrscheinlichen Fall, dass sich Gülcan und Sebastian wieder scheiden lassen wollen – aber dann bitte doch erst wieder im nächsten Sommerloch.

(c) europolitan