Gülcan Karahanci und das Sommerloch

By chgloeckner

Zahlreiche Paare, die sich nach langjährigen Beziehungen das Ja-Wort geben, legen Wert auf eine Hochzeit „im engsten Bekanntenkreis“. Die Grundsteinlegung für ein gemeinsames Leben soll in intimer Privatsphäre zelebriert werden und somit ein Maximum an Intensität erreichen. Anders bei Gülcan Karahanci und Sebastian Kamps: Die bisher nur zwei Jahre alte Beziehung sollte vor einem Millionenpublikum in den Hafen der Ehe einlaufen. ProSieben plante eine romantische Finalsendung des Formats, doch strahlte lediglich den stillosen Versuch aus, das Privatleben zweier B-Promis medial zu inszenieren.

„Lackier Dir die Nägel“

Wer die Staffel des TV-Formats aufmerksam verfolgt hat, wird bemerkt haben, dass der vereinende Kitt in der Beziehung von Gülcan und Bäckereierbe Sebastian nicht unbedingt in der Kompromissbereitschaft des Paares zu suchen ist. Als Viva-Moderatorin ist die Kommunikation selbstredend eine Stärke von Gülcan. Doch spätestens in den ersten Folgen der Hochzeits-Doku musste sie feststellen, dass es doch etwas anderes ist, auf ein paar Kameras ihres Musiksenders einzureden, als sich mit ihrem Sebastian zu verständigen.

Eindrucksvoll ließ das Paar die TV-Zuschauer daran teilhaben, wie anregend ein gepflegtes Gespräch eines Fast-Ehepaares sein kann: In einer Sternstunde der Fernsehunterhaltung verabschiedete sich Sebastian mit den Worten „Ich geh jetzt“ von seiner zukünftigen Gemahlin. Als fürsorgliche Partnerin wollte Gülcan umgehend wissen, wohin es ihren Göttergatten verschlage, doch dieser war zu keiner Auskunft bereit, sondern brummte lediglich: „Sag ich nicht. Du gehst mir echt voll aufn Sack, ey“. Schockiert hakte Gülcan mit einem herausfordernden „Wie bitte?“ nach und bekam eine nächste undiplomatische Antwort zu hören. „Du nervst. Komm, lackier dir die Nägel“.

Nicht nur Beziehungstherapeuten, die zufällig in die Show gezappt kamen, sollten ihren Spaß an diesem Dialog haben. Auch ProSieben verstand es, die durch die eigenen Kameras provozierte Entgleisung professionell zu vermarkten. Mit auf der Internetseite des Senders vertriebenen T-Shirts, Tassen und Buttons können sich begeisterte Sebastian-Fans für knapp 20 Euro nochmals vom Glanze Kamps´scher Schlagfertigkeit beeindrucken lassen.

ProSieben gegen das Sommerloch

Die Inszenierung genau solcher Konflikte rettet ProSieben über das quotenarme Sommerloch hinweg. Und wieder ist es das bekannte Erfolgsrezept, das seit „Big Brother“ unaufhaltsam Einzug in deutsche TV-Anstalten hält: die mediale Zurschaustellung des Privaten.

Der Sender strapazierte die Nerven der im Urlaub daheim gebliebenen Fernseh-Eulen für sieben lange Wochen mit einem Hochzeits-Vorspiel, das Einblick in die Beziehung der Protagonisten, deren Familien und Gewohnheiten geben sollte – alles gerahmt von zielgruppenorientierter Werbung für Pickelsalben, Damenrasierer und dem Soundtrack zur Sendung.

Der Zuschauer wusste bis zur finalen Hochzeits-Übertragung nun fast alles über das ungleich erscheinende Traumpaar. Sei es das gute Verhältnis von Gülcan zu ihrer zukünftigen Schwiegermutter, der Grundriss und die Einrichtung der gemeinsamen Wohnung oder die Tatsache, dass Gülcan keine Unterwäsche unterm Brautkleid trägt; nichts bleibt dem Publikum verborgen. Solange es Quote bringt, ist jedes brisante Detail Gold wert.

Dass die Sendung vom Großteil der deutschen Presse regelrecht zerrissen wird, erscheint dabei nur zweitrangig. Solange es ProSieben gelingt, die Gülcan-Fangemeinde vom Musikkanal Viva auf ihren eigenen Sender hinüberzuretten, geht das Konzept auf.

Hochzeit nach Drehbuch

An die flächendeckende Verkabelungen auf dem gesamten Gelände der Traumhochzeit haben sich die geladenen Gäste bereits gewöhnt. Auch die Kameras und die vom Sender mit Schildern und Tröten ausgestatteten Zaungäste können nach einiger Zeit vergessen werden. Doch was dem Event schließlich die letzte Würde raubt, ist die detailgetreue Umsetzung des Hochzeit-Drehbuchs.

Nachdem die Kameras zunächst einige Sekunden mit emotionalen Motiven zu füllen haben, werden eintreffende Gäste beim Betreten des abgesperrten Geländes gezeigt. Dann haben Freunde und Bekannte des glücklichen Hochzeitpaares die Aufgabe, gemeinsam mit Moderator Steven Gätjen Vorfreude zu inszenieren. Auf die Minute genau muss sich Gülcan in einer weißen Kutsche in den Kamerafokus ziehen lassen, während Sebastian im polierten Lamborghini 50 Meter ins Bild rollen darf.

Unzählige Kameraschnitte und Regieanweisungen später stehen Gülcan und Sebastian dann endlich vor dem Traualtar und lauschen den bedeutungsschweren Worten des Geistlichen. Für alle, die bis zu dieser entscheidenden Szene noch nicht den Sender gewechselt haben oder eingeschlafen sind, bemerkt der Kommentator, dass jetzt der romantischste Moment des Abends erreicht ist und die Gänsehaut aktiviert werden darf. „Ist das ein bewegender Augenblick“.

Für eine Handvoll Ruhm

Bleibt die Frage, warum Gülcan und Sebastian den angeblich schönsten Tag ihres Lebens unter der Regie eines TV-Formats zelebrieren wollten. Für den millionenschweren Bäckereierben Sebastian Kamps war Geld sicherlich kein Motiv. Und der fragwürdige Ruhm, den das Paar durch die Sendung erlangte, erscheint als Lohn für eine zur Farce inszenierten Eheschließung doch etwas sehr mager.

Wie ein ProSieben-Sprecher kürzlich verlauten ließ,  bleibt dem Fernsehpublikum trotz hoher Einschaltquote der Final-Sendung eine Fortsetzung der Zurschaustellung Gülcans Privatleben erspart. Vielleicht überdenkt der Sender seine Strategie aber noch einmal für den unwahrscheinlichen Fall, dass sich Gülcan und Sebastian wieder scheiden lassen wollen – aber dann bitte doch erst wieder im nächsten Sommerloch.

(c) europolitan

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