ProSieben setzt in seiner neuen Sendung 18 eigenwillige Kandidaten auf einer Insel aus und veranstaltet einen Wettkampf-Marathon. Das an die Grenzen des Ertragbaren reichende Format ist allerdings alles andere als ein TV-Novum.
Schöner könnte die Kulisse einer TV-Show nicht sein: eine unbewohnte Insel im Südchinesischen Meer. Prächtige Palmen, weiße Sandstrände und türkisfarbenes Wasser prägen das neue zu Hause für die 18 Kandidaten der Insel-Show. Neben neun meist muskulösen und blendend aussehenden Männern stranden auch ebenso viele weibliche Schönheiten im ProSieben-Paradies. Bunt gemischt werden die Kandidaten in zwei Teams geteilt und an verschiedenen Stränden des Eilands ausgesetzt – nur mit dem Nötigsten an Nahrung, Kleidung und Werkzeugen versorgt.
In regelmäßigen Wettkämpfen müssen die beiden Teams mit den schmuckvollen Namen „Tasik“ und „Gunung“ gegeneinander antreten. Die Gruppen kämpfen in so spannenden „Challenges“ wie Floß fahren oder Puzzeln um einen wertvollen Preis, der das Leben auf der Insel erleichtern soll. Bisher konnten sich die Gewinner über einen Feuerstein und eine Angel freuen. Im Inselrat muss das Verliererteam schließlich per geheimer Wahl ein Gruppenmitglied aus den eigenen Reihen nach Hause schicken. Dieses Ritual wiederholt sich so oft, bis nur noch ein „Survivor“ übrig bleibt. Der Sieger wird mit einer Summe von 250.000 Euro für sein Durchhalten belohnt.
Erlebnispädagogik für Individualisten
Kaum auf der Insel angekommen, bilden sich bereits erste soziale Strukturen heraus. Während die einen zunächst die neue Umgebung genießen wollen und sich bei Anblick der heimischen Flora zu Glückstränen rühren lassen, packen die anderen die Äxte aus und zimmern eine Unterkunft. Angespornt von einer solchen Betriebsamkeit, durchforstet der Rest des Teams die Umgebung nach genießbaren Beeren und schmackhaften Tieren. Als die Sammler sich jedoch ohne Beute zurück an den Strand wagten, kam der erste Groll im Team „Tasik“ auf.
Der Unmut wird in dieser frühen Phase des Abenteuers allerdings noch nicht an die betreffenden Personen selbst gerichtet, sondern kommt vielmehr in konspirativen Gesprächen abseits des Geschehens zum Ausdruck. Die Kamera ist stets Zeuge der Lästereien, so dass der Fernsehzuschauer als einziger in der Lage ist, die jeweiligen Stimmungslagen und Allianzen unter den Kandidaten einzuschätzen. Alpha-Männchen Michael entwickelte schnell ein besonderes Talent zur Diskreditierung seiner Mitstreiter und attestierte seiner Teamkollegin Sonja mit geradezu psychoanalytischer Hingabe hinterrücks ein „faules Wesen“.
Survival of the fittest
Moderator Sascha Kalupke, der neben seiner einstigen Tätigkeit als Zuschauerbetreuer bei „Bärbel Schäfer“ auch durch das 2005 zelebrierte Stadtfest von Euskirchen führen durfte, spart in der Insel-Show nicht mit Hinweisen auf die überlebensnotwendige Teamfähigkeit der Kandidaten. „Was zählt, ist das Team. Alleine bist du nichts“, raunt es immer wieder in mahnender Tonlage über den Strand der mittlerweile nicht mehr ganz so einsamen Insel.
Und genau in diesem den Kandidaten aufgezwungenen Dilemma entfaltet sich die Brisanz von „Survivor“. Sowie den Zuschauern als auch den Kandidaten wird suggeriert, dass ein Einzelgänger in dieser Show ohne Chance bleibt. Nur der anpassungsfähige und rücksichtsvolle Neu-Insulaner kommt an sein Ziel. Das mag vielleicht für die Wettkämpfe gelten, in denen beide Gruppen geschlossen gegeneinander antreten müssen. Für den Sieg der Gesamtshow erweist sich der Teamgeist jedoch eher hinderlich. Nur ein Mitspieler wird in der finalen Folge der Sendung eine viertel Millionen Euro gewinnen.
Das TV-Format fordert offiziell den Gruppenkonsens, korrumpiert seine Realisierung allerdings durch die Spielregeln selbst. Selbstredend ist dies kein Schönheitsfehler im Konzept, sondern vielmehr die Voraussetzung für das Gelingen der Show. Denn nur wenn Intrigen geschürt werden, Allianzen gegen einzelne Kandidaten entstehen und sich die gereizte Stimmung inmitten der paradiesischen Kulisse in einem gewittergleichen Streit entlädt, bleibt der TV-Zuschauer am Ball.
Altes Konzept in neuem Gewand
Das Format von „Survivor“ ist keinesfalls eine neue Idee findiger TV-Produzenten. Die ehemalige Jurorin von „Deutschland sucht den Superstar“, Shona Fraser, importierte die Insel-Show lediglich aus dem amerikanischen Fernsehen in den deutschsprachigen Raum. Seit sieben Jahren bildet „Survivor“ bereits einen festen Bestandteil der Programmtafel des Senders CBS.
Doch auch im deutschen Fernsehen durfte der sommerlochgeplagte Zuschauer bereits des Öfteren Zeuge von zahlreichen Insel-Sendungen werden. Sat1 schickte seine Kandidaten für das „Inselduell“ bereits 2000 in das Südchinesische Meer und RTL2 war wenige Monate später mit der „Expedition Robinson“ ebenfalls reif für die Insel. Die Fernsehlandschaft Deutschlands arbeitete sich daraufhin mit weiteren Insel-Shows wie „Gestrandet“ und „Outback“ an diesem Format ab und ließ das Konzept alsbald im Sande versinken.
Mit „Survivor“ hofft ProSieben nun auf einen Gedächtnisschwund der TV-Zuschauer und hebt eine peinliche Neuauflage des längst Schiffbruch erlittenen Formats in die Primetime eines jeden Dienstags. Doch offensichtlich kann sich der Zuschauer sehr gut an die bereits abgegriffenen Insel-Spektakel erinnern und quittiert die dreiste Kopie mit miserablen Einschatquoten. ProSieben ist wahrlich keine Insel.
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