Archiv für Oktober 2007

Das Supertalent

Oktober 22, 2007

Obwohl bereits ganz Deutschland nach neuen „Superstars“, „Popstars“ und „Survivors“ durchforstet wurde, wagt sich RTL nun an eine weitere Casting-Show. Gesucht wird diesmal das „Supertalent“ – egal, worin es nun bestehen mag. Chef-Juror Dieter Bohlen ist wieder ganz in seinem Element.

Dieter Bohlen hat mittlerweile eine gewisse Routine darin entwickelt, selbsternannte Talente auf direktem Weg wieder auf den Boden der Tatsachen zu holen. Nun ist die vierte Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ längst ausgelaufen und um das daraus emporgestiegene Gesangstalent Mark Medlock ist es beängstigend ruhig geworden. Eine neue Staffel von Bohlens Erfolgs-Show „DSDS“ ist zwar schon in Planung, doch der Sendetermin noch in weiter Ferne.

Offensichtlich will der Hüter über Deutschlands wahre Talente jedoch nicht länger warten. Es muss doch noch irgendetwas zum wegurteilen geben. Ein Blick über den großen Teich liefert auch prompt die rettende Idee: America´s Got Talent. Und nicht nur in Amerika wimmelt es von Talenten. In ganz Europa sprießen die Sendungen aus dem Boden, die die letzten wackeren Kandidaten aus ihren Wohnstuben casten. Eine solche Show-Adaption könnte RTL wieder Geld in die Kassen spülen und hält Dieter Bohlen in Übung, eine Handvoll verblendeter Star-Anwärter vor versammeltem Publikum lächerlich zu machen.

Drei Buzzer für ein Halleluja

Wie schon bei der bereits 1992 ausgestrahlten „Gong-Show“ lässt RTL allerlei Kandidaten vor die dreiköpfige Jury treten. Egal ob Gesang, Tanz, Glasessen oder Comedy – präsentiert werden darf jede Art von persönlicher Begabung. Die Juroren Ruth Moschner, André Sarrasani (hauptberuflich Zirkusdirektor) und Dieter Bohlen können die laufenden Auftritte allerdings jederzeit per Buzzer abbrechen. Spätestens wenn alle drei Juroren ihr Veto gegen einen Kandidaten eingelegt haben, ist das kurze TV-Erlebnis des Talents beendet.

Schafft es ein Bewerber tatsächlich, die Jury von sich zu überzeugen, so darf er in der nächsten Runde erneut auftreten. Nach gerade einmal drei Sendungen entscheidet sich das Publikum per Telefon-Voting für ein Supertalent, das die Siegesprämie (oder den Schadensersatz) von 100.000 Euro einfahren darf.

Die „Supertalente“

Der erste Teilnehmer verlor nicht viel Zeit und steckte umgehend den intellektuellen Rahmen des Abends ab. Als Bauchredner ließ er seine Puppe schlechte Witze erzählen und entschuldigte sich im Nachhinein vor der Kamera für seinen peinlichen Auftritt. Wenig später sang sich eine vitale Großmutter mit Fistelstimme in das weiche Herz von Dieter Bohlen. Der Chef-Juror konnte die mutige Performance zwar nicht mit einem Freilos für das Finale belohnen, versicherte der Oma aber: „Ich liebe dich“.

Sympathisch war allein der sizilianischer Pizzabäcker Gino Badagliacca aus Gütersloh, der mit seinem Opern-Gesang tatsächliches Talent beweisen konnte. Nicht nur seine Stimmgewalt war überzeugend; auch bei der Beantwortung der Jury-Frage, wie er denn im Falle eines Sieges die 100.000 Euro investieren wolle, gewann er breite Zustimmung: „Meine Frau erst mal ein bisschen verwöhnen, für die Kinder was beiseite legen und den Rest verplempern“.

Moralisch sauber

Neben dem üblichen Arsenal an verrückten Selbstdarstellern, traten auch unzählige Kinder auf die RTL-Bühne. Erfrischend normal tanzten, rapten und trompeteten sie sich allesamt ins Finale. Der aufgewühlte Fernseh-Zuschauer befürchtete sofort, dass es wieder einmal die ehrgeizigen Eltern waren, die den uralten Erziehungs-Fehler begannen und die eigenen verpatzten Träume durch ihre Kinder zu leben versuchten. Doch in einem Geleitwort wischte Dieter Bohlen alle Bedenken vom Tisch und versicherte, dass er nur Kinder auf die Bühne lasse, die aus freien Stücken am Wettbewerb teilnehmen wollen.

Doch wie hat es dann die Mutter auf die Bühne geschafft, die ihr Kleinkind ohne Netz und doppelten Boden in ihrer rechten Hand balancierte? Selbstverständlich wusste die Jury bereits vor dem Auftritt, welch fragwürdiges Talent die Mutter präsentieren würde. Diese forcierte Darbietung diente der Jury jedoch vorzüglich dazu, sich vor den Augen des Publikums mit überzogen geschauspielerten Gesichtsausdrücken von einer solchen Akrobatik zu distanzieren. So beweist die Jury Samstagabend-Moral, zeigt die scheinbaren Grenzen eines solchen TV-Events auf und wertet zugleich die harmlosen Auftritte der nachfolgenden Talente auf.

Mark Medlock und die Weltpremiere

Das insgesamt ermüdende Show-Programm der Supertalente sollte sodann mit einer weiteren Weltpremiere vom einstigen „DSDS“-Sieger Mark Medlock abgerundet werden. Inmitten eines romantischen Kerzenmeeres stand Medlock am Mikrophon und brachte seinen bisher langweiligsten Song unter die Leute.

Seine lethargische Mimik verriet, dass er mittlerweile selbst nicht mehr an das Märchen einer dauerhaften Superstar-Karriere glaubt. Nur Dieter Bohlen setzte sein Profi-Grinsen auf, als er am Flügel dem scheidenden Superstar seine wahrscheinlich letzte Show-Ehre erwies.

(c) europolitan.de

Willkommen in der Nachbarschaft

Oktober 2, 2007

In einer neuen RTL2-Reality-Show kämpft jeden Montagabend eine Familie um ein Eigenheim. Die fünf Bewerber-Familien entstammen allesamt subkulturellen Randgruppen und müssen trotz eigenwilliger Lebensweise das Herz der potentiellen Nachbarn gewinnen. Denn allein die Gunst der Anwohner entscheidet darüber, welche Familie das Haus beziehen darf. Ein fragwürdiges Abenteuer, befördert von voyeuristischer Missgunst und deutscher Angst vor Fremden.

Die verantwortlichen Redakteure von RTL2 können sich auf die Schultern klopfen. Mit ihrem neuen Format haben sie die Gemüter der Fernsehzuschauer am Montagabend trefflich erhitzt. Das Konzept der Sendung „Willkommen in der Nachbarschaft“ lässt in sechs Folgen ebenso viele Bewerber um ein Haus kämpfen. Zum Sieg führen hier allerdings nicht herkömmliche Wettbewerbe, wie sie der geübte TV-Zuschauer aus Spielshows kennt.

Vielmehr müssen die Bewerber jeweils für eine Woche in das zu gewinnende Haus einziehen und sich vor ihren potentiellen neuen Nachbarn profilieren. Neben Autowaschen und Heckeschneiden (wohlgemerkt handelt es sich hierbei um die Autos und Hecken der Nachbarn) müssen die Interessenten unter Beweis stellen, das Haus ordentlich und gewissenhaft führen zu können. Die voyeuristische Nachbarschaft bestimmt nach sechs Wochen, welcher Kandidat am besten in die Straße passt.

Misch-Ehe

Beim ersten Bewerber handelt es sich um den gebürtigen Afrikaner Kopa, der seit 18 Jahren mit seiner Frau Veronika und den drei gemeinsamen Kindern in Deutschland lebt. Bereits diese Informationen treiben den selbsternannten Spießern der Nachbarschaft das Unverständnis in ihre kleinbürgerlichen Herzen. Nach anfänglicher Sprachlosigkeit wird der Zuschauer Zeuge einer Sternstunde der deutschen Vergangenheitsbewältigung. Denn endlich wird der passende Begriff für eine solch undeutsche Beziehungskonstellation gefunden: „Misch-Ehe“.

Mutig und offenherzig treten die Anrainer dem farbigen Fremden dann aber doch noch entgegen und vermitteln dem vermeintlichen Ausländer neben einer Einführung in das Wertesystem des Kleingärtners hilfreiche Tipps zur mustergültigen Bedienung der Heckenschere.

Eine böse Überraschung

Mit dramaturgischer Raffinesse spielt RTL2 nun seinen nächsten Joker aus und eröffnet der Stammtisch-Gemeinde Kopas zweifelhaftes Geheimnis. Der umtriebige Afrikaner führt ein Doppelleben. Neben seiner deutschen Gattin unterhält er eine Beziehung zu einer zweiten Frau. Diese nennt sich selbst „Mama Afrika“ und versorgt drei weitere Kinder Kopas. Die Überraschung ist geglückt: Die schockierte Nachbarschaft entlädt auf offener Straße lauthals ihre Enttäuschung.

Nur eine Nachbarin, die hauptberufliche Wahrsagerin, bleibt ruhig und besonnen. Das Orakel schwebt über allen; über der doppelten „Mischfamilie“, über den rassistisch daherplappernden Stammtisch-Neurotikern und irgendwie auch über sich selbst. Sie ist das allwissende Medium, das die dörfliche Wahrheit in spiritueller Anmut in die offenen Ohren der Neulinge haucht; serviert auf einem dunstigen Tablett der Kakostomie.

Fremdenfeindlich? Niemals – aber bitte kein Neger in unserer Straße!

Natürlich muss der Eindruck der Zuschauer verwischt werden, die undeutsche Familie sei in ein fremdenfeindliches Dorf gereist. Frontal nimmt sich die Sendung der Problematik an und thematisiert den wiederbelebten Rassenwahn. Sollten sich die Nachbarn tatsächlich eingestehen, mit einer fremdenfeindlichen Gesinnung durch ihr sinnentleertes Leben zwischen Gartenzaun und Stammtisch zu wanken? Sicher nicht, denn sonst müsste die Sendung abgesetzt werden.

Warum bietet RTL2 einer solch alteingesessenen Truppe von Schmalspur-Rassisten bloß eine massenmediale Bühne? Mit Sprüchen wie „Kopa soll zurück nach Afrika gehen. Da kann er von mir aus sieben Frauen haben“ und der Wiedereinführung des im dritten Reichs prominent verwendeten Begriffs der „Mischehe“ präsentieren die Protagonisten auf RTL2 das Resultat ihrer etwas in Vergessenheit geratenen humanistischen Bildung. Es geht hier sicherlich nicht nur um deutsche Kleinbürgerlichkeit – es ist inszenierter und medial verbreiteter Rassismus.

Saufen für die Völkerverständigung

Kopa und seiner Großfamilie wird nun klar, dass der Hauptgewinn in weite Ferne gerückt ist. Da hilft nur noch ein rauschendes Fest, denn wie die selbstgefällige Stimme aus dem Off zu philosophieren versteht: „Mit Bier findet man immer Freunde“. Fortan wird getrunken, gelacht, getrommelt und getanzt. Vergessen scheint der Ärger der vergangenen Woche.

119 Minuten werden in der Sendung groteske Klischees bedient. Im letzten Augenblick darf sich dann die gesamte Nachbarschaft doch noch in gegenseitiger Lobhudelei üben. Die Deutschen zeigen sich überwältigt von der afrikanischen Fröhlichkeit und tragen den Kameras lallend das soeben Gelernte vor: „Man muss lernen, über den eigenen Gartenzaun zu schauen. Das war alles so locker“. „Ganz locker“, präzisiert eine Anwohnerin akkurat.

Auch Kopa darf sich zum Ende der Sendung noch einmal zu Wort melden und versichert den Zuschauern aus eigener Erfahrung, dass die Deutschen doch gar nicht so böse sind. Für alle, die dem fluiden Satzbau des afrikanischen Freundes nicht folgen konnten, bewies RTL2 ein Herz und blendete am unteren Bildschirmrand das Gesagte zum Mitlesen ein – in lupenreinem Deutsch nach neuer Rechtschreibung versteht sich.

(c) europolitan.de