Obwohl bereits ganz Deutschland nach neuen „Superstars“, „Popstars“ und „Survivors“ durchforstet wurde, wagt sich RTL nun an eine weitere Casting-Show. Gesucht wird diesmal das „Supertalent“ – egal, worin es nun bestehen mag. Chef-Juror Dieter Bohlen ist wieder ganz in seinem Element.
Dieter Bohlen hat mittlerweile eine gewisse Routine darin entwickelt, selbsternannte Talente auf direktem Weg wieder auf den Boden der Tatsachen zu holen. Nun ist die vierte Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ längst ausgelaufen und um das daraus emporgestiegene Gesangstalent Mark Medlock ist es beängstigend ruhig geworden. Eine neue Staffel von Bohlens Erfolgs-Show „DSDS“ ist zwar schon in Planung, doch der Sendetermin noch in weiter Ferne.
Offensichtlich will der Hüter über Deutschlands wahre Talente jedoch nicht länger warten. Es muss doch noch irgendetwas zum wegurteilen geben. Ein Blick über den großen Teich liefert auch prompt die rettende Idee: America´s Got Talent. Und nicht nur in Amerika wimmelt es von Talenten. In ganz Europa sprießen die Sendungen aus dem Boden, die die letzten wackeren Kandidaten aus ihren Wohnstuben casten. Eine solche Show-Adaption könnte RTL wieder Geld in die Kassen spülen und hält Dieter Bohlen in Übung, eine Handvoll verblendeter Star-Anwärter vor versammeltem Publikum lächerlich zu machen.
Drei Buzzer für ein Halleluja
Wie schon bei der bereits 1992 ausgestrahlten „Gong-Show“ lässt RTL allerlei Kandidaten vor die dreiköpfige Jury treten. Egal ob Gesang, Tanz, Glasessen oder Comedy – präsentiert werden darf jede Art von persönlicher Begabung. Die Juroren Ruth Moschner, André Sarrasani (hauptberuflich Zirkusdirektor) und Dieter Bohlen können die laufenden Auftritte allerdings jederzeit per Buzzer abbrechen. Spätestens wenn alle drei Juroren ihr Veto gegen einen Kandidaten eingelegt haben, ist das kurze TV-Erlebnis des Talents beendet.
Schafft es ein Bewerber tatsächlich, die Jury von sich zu überzeugen, so darf er in der nächsten Runde erneut auftreten. Nach gerade einmal drei Sendungen entscheidet sich das Publikum per Telefon-Voting für ein Supertalent, das die Siegesprämie (oder den Schadensersatz) von 100.000 Euro einfahren darf.
Die „Supertalente“
Der erste Teilnehmer verlor nicht viel Zeit und steckte umgehend den intellektuellen Rahmen des Abends ab. Als Bauchredner ließ er seine Puppe schlechte Witze erzählen und entschuldigte sich im Nachhinein vor der Kamera für seinen peinlichen Auftritt. Wenig später sang sich eine vitale Großmutter mit Fistelstimme in das weiche Herz von Dieter Bohlen. Der Chef-Juror konnte die mutige Performance zwar nicht mit einem Freilos für das Finale belohnen, versicherte der Oma aber: „Ich liebe dich“.
Sympathisch war allein der sizilianischer Pizzabäcker Gino Badagliacca aus Gütersloh, der mit seinem Opern-Gesang tatsächliches Talent beweisen konnte. Nicht nur seine Stimmgewalt war überzeugend; auch bei der Beantwortung der Jury-Frage, wie er denn im Falle eines Sieges die 100.000 Euro investieren wolle, gewann er breite Zustimmung: „Meine Frau erst mal ein bisschen verwöhnen, für die Kinder was beiseite legen und den Rest verplempern“.
Moralisch sauber
Neben dem üblichen Arsenal an verrückten Selbstdarstellern, traten auch unzählige Kinder auf die RTL-Bühne. Erfrischend normal tanzten, rapten und trompeteten sie sich allesamt ins Finale. Der aufgewühlte Fernseh-Zuschauer befürchtete sofort, dass es wieder einmal die ehrgeizigen Eltern waren, die den uralten Erziehungs-Fehler begannen und die eigenen verpatzten Träume durch ihre Kinder zu leben versuchten. Doch in einem Geleitwort wischte Dieter Bohlen alle Bedenken vom Tisch und versicherte, dass er nur Kinder auf die Bühne lasse, die aus freien Stücken am Wettbewerb teilnehmen wollen.
Doch wie hat es dann die Mutter auf die Bühne geschafft, die ihr Kleinkind ohne Netz und doppelten Boden in ihrer rechten Hand balancierte? Selbstverständlich wusste die Jury bereits vor dem Auftritt, welch fragwürdiges Talent die Mutter präsentieren würde. Diese forcierte Darbietung diente der Jury jedoch vorzüglich dazu, sich vor den Augen des Publikums mit überzogen geschauspielerten Gesichtsausdrücken von einer solchen Akrobatik zu distanzieren. So beweist die Jury Samstagabend-Moral, zeigt die scheinbaren Grenzen eines solchen TV-Events auf und wertet zugleich die harmlosen Auftritte der nachfolgenden Talente auf.
Mark Medlock und die Weltpremiere
Das insgesamt ermüdende Show-Programm der Supertalente sollte sodann mit einer weiteren Weltpremiere vom einstigen „DSDS“-Sieger Mark Medlock abgerundet werden. Inmitten eines romantischen Kerzenmeeres stand Medlock am Mikrophon und brachte seinen bisher langweiligsten Song unter die Leute.
Seine lethargische Mimik verriet, dass er mittlerweile selbst nicht mehr an das Märchen einer dauerhaften Superstar-Karriere glaubt. Nur Dieter Bohlen setzte sein Profi-Grinsen auf, als er am Flügel dem scheidenden Superstar seine wahrscheinlich letzte Show-Ehre erwies.
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