Archiv für Dezember 2007

Bauer sucht Frau – Trash-Schnulze oder Real-Satire

Dezember 27, 2007

Endlich ist Ruhe eingekehrt auf Deutschlands Bauernhöfen. RTL hat die Finalfolge des Quotenschlagers „Bauer sucht Frau“ im Kasten, und zieht die Kameramänner von der ländlichen Front wieder ab in die Zentrale. Was bleibt, sind zwei rührende Pärchen, sieben frustrierende Pleiten und die Frage: War das jetzt schlechte Romantik – oder beste Comedy?

(Illustration von Hendrik Berends)

Kerzenbeleuchtetes Ambiente, herzerwärmende musikalische Einspieler und der penetrante Widerhall der Attribute „romantisch“ und „liebevoll“ könnten dem geneigten Fernsehzuschauer schnell den Eindruck verschaffen, es handle sich bei der bäuerlichen Frauenjagd tatsächlich um eine rührende Reality-Show, in der es um echte Gefühle und wahre Liebe geht. Doch geübte Fernseh-Eulen haben gleich das enorme Potential der neun ledigen Bauern erkannt, mit ihren humoristischen Einlagen selbst gestandene TV-Komiker alt aussehen zu lassen.

Kommst Du mit auf meinen Hof?

Da ist zum Beispiel der als schüchtern vorgestellte Ackerbauer Jürgen, der bereits bei der Kennlern-Scheunenparty in der ersten Folge alle Register seines humoristischen Könnens zog. So lud Jürgen seine Auserwählte mit den herzerwärmenden Worten „Bisschen schlanker wäre auch schön gewesen“ für eine Woche auf seinen Bauernhof ein. Dass diese allerdings nicht von solch erfrischendem Humor beseelt war, und die Einladung unter Tränen ausschlug, konnte Jürgen vorher natürlich nicht ahnen. Da half auch keine Entschuldigung – die Liebe war verloren, bevor sie eine Chance bekam.

Leicht irritiert, aber keineswegs entmutigt begab sich Bauer Jürgen nach dieser Pleite wieder auf die Pirsch. Ein Glas Sekt im Sturzflug gekippt, und einfach die nächstbeste Hofdame bezirzt. Die überdachte den Kuhhandel zunächst zwar etwas zögerlich, stimmte nach einem weiteren Glas Perlwein dann aber doch zu, für ein paar Tage in das ehemalige Kinderzimmer von Jürgen einzuziehen. Welcher Zuschauer bis zu dieser Szene noch keinen Eimer Tränen gelacht hat, ist wohl dem vermeintlichen Romantik-Konzept von RTL auf den Leim gegangen.

„Schleichwerber Bernhard“

Auch „Rinderwirt Bernhard“ wusste, wie ein anständiges Comedy-Format zu funktionieren hat. Er inszenierte einen Streit mir seiner Herzensdame Beate, die vor den Objektiven der Kameras den Hof verließ. Mit Drehschluss trafen sich Bernhard und Beate allerdings wieder heimlich, und ohne vertragliche Zustimmung seitens RTL. Moderatorin Inka Bause fand das vielleicht nicht ganz so lustig, von den Zuschauern allerdings wird so viel widerspenstige Energie mit Freuden bejubelt.

Seinen eigentlichen Sinn für Humor entfaltete „Rinderwirt Bernhard“ aber erst dadurch, dass er sich durch geschickte Zurschaustellung seiner Trecker und Landwirtschaftsfahrzeuge eine schnelle Mark nebenher verdiente. Jedes Firmenlogo, das RTL unfreiwillig mit den Kameras einfing und sendete, brachte „Schleichwerber Bernhard“ bare Münze ein. Kein Wunder, dass Bernhard und Beate auffällig oft die Fahrzeuge waschen wollten.

„Tiere sind nichts für mich“

Als ein weiteres Highlight geht sicherlich die Bürokauffrau Alexandra in die Geschichte der Bauern-Saga ein. An der Seite von Furthi ließ sie keine Gelegenheit aus, sich als städtische Zicke zu präsentieren. Schon bei ihrer Ankunft hätte sie anstelle des Sekts-Empfangs lieber eine warme Mahlzeit gehabt. Später weigerte sie sich partout, die Hühner zu füttern: „Nee, mach die Stalltür zu, die flattern ja so“.

Kühe und Schweine waren dann auch nicht so unbedingt ihr Ding, immerhin mit den Katzen konnte sie sich anfreunden. Alexandras aufmunterndes Motto für das Leben auf dem Bauernhof ließ dann auch nicht lange auf sich warten: „Hamster beißen, Hunde müssen raus, Katzen sind perfekt“.

Wurstwasser

Den absoluten Siedepunkt erreichte die Sendung allerdings erst, als der „liebevolle Bauer Bruno“ seiner „Arzthelferin Anja“ ein erstes Festessen auf seinem Bauernhof bereiten wollte. Zielsicher griff er eine Dose Heißwürstchen aus seinem Regal im Lagerraum und marschierte damit in die Küche. Unter den prüfenden Blicken seiner Anja dachte Bruno darüber nach, wie zivilisierte Menschen derartige Würstchen nun erhitzen. Schnell war die rettende Idee gefunden: der Wasserkocher!

Mit den vor freudiger Überwältigung nur noch lachend hervorgebrachten Worten „Nein, nein, wir brauchen einen Topf“, stoppte Anja die Seebestattung der Heißwürstchen im Wasserkocher und setzte einen Kochtopf unter Dampf. Als das Wasser im Topf schließlich erste Blasen schlug, war der Fall für den hungrigen Rinderwirten Bruno klar: „Das Wasser ist gar“.

Goldesel mit Humor

RTL hat es wieder einmal geschafft – und diesmal sogar ohne Dieter Bohlen. Mit durchschnittlich 7,54 Millionen Zuschauern pro Folge (nach Angaben des Senders) war „Bauer sucht Frau“ ein fulminanter Erfolg. Die Produzenten des Privatsenders haben neben „Deutschland sucht den Superstar“ nun einen weiteren Goldesel im Stall. Da kann der Bauernpräsident Gerhard Sonnleitner noch so oft mit der Mistgabel ausholen und die Sendung als Brutstätte „dümmlicher und falscher Klischees“ über seine Bauern aburteilen. Solange die Quote stimmt, kräht kein Hahn danach.

Wenn sich RTL jetzt noch traut, dieses Format von aufgesetzter romantischer Umrahmung zu befreien und es doch als Humor zu bezeichnen, kann die Sendung siegessicher in den Kampf gegen den „Fun-Freitag“ auf Sat 1 ins Rennen um die Einschaltquote gehen.

(c) europolitan.de

Lady Bitch Ray bei Maischberger

Dezember 12, 2007

Seit ‘Die Fantastischen Vier’ in den 90er Jahren den deutschsprachigen Rap etablierten, hat sich einiges in dieser Branche getan. Während die HipHop-Urgesteine Smudo und Thomas D. in ihrer Paraderolle als Weltverbesserer gesellschaftliche Missstände anprangern, geht es bei der neuesten Rap-Form nur noch um peinliche Porno-Phrasen – alles eingebettet in eine gut geölte Marketingmaschinerie, die ihre Protagonisten auch noch im öffentich-rechtlich subventionierten TV-Zirkus abfeiern lässt.

(Illustration von Hendrik Berends)

Der Skandal geht um im öffentlich-rechtlichen Fernsehen: Erst wirft Johannes Baptist Kerner Eva Herman unsanft aus seiner abendlichen Talkshow, wenige Tage später verlässt Moderator und Buchautor Joachim Bublath vorzeitig die illustre Runde der Menschen bei Maischberger. Schließlich treten auch Harald Schmidt und Oliver Pocher mit ihrem „Nazometer“ eine Welle der Entrüstung in der ARD-Führungsetage los.

Die „First Lady“ bei Maischberger

Noch bevor sich die Wogen richtig glätten konnten, gießt Sandra Maischberger weiter Öl ins Feuer der erregten Abendunterhaltung, und springt auf den derzeit prominenten Zug der Porno-Rap-Kultur auf. Als Repräsentantin dieser vor sexueller Energie nur so strotzenden Subkultur durfte ihr derzeit jüngstes, aber nicht minder erfolgreiches Mitglied, „Lady Bitch Ray“ alias Reyhan Şahin, über die Sexualmoral der Deutschen mitphilosophieren.

Leider konnte die selbsternannte Schlampe erwartungsgemäß keinen ernstzunehmenden Beitrag zur ohnehin schmalspurigen Diskussion beisteuern. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt, die Bommel an ihrem Kostüm kindlich um den Finger zu wickeln, und sich an die erwünscht provokativen Floskeln zu erinnern, die sie sich zu Hause zurechtgelegt hatte.

Emanzipation der „Bitches“

Lady Ray will als Gesamtkunstwerk wahrgenommen werden, das um jeden Preis in den Kampf für die weibliche Emanzipation eintritt. Entlang ihrer im Internet veröffentlichten 10 Gebote des „Vagina Styles“ plant Lady Ray die noch immer „als Opfer erzogenen“ Frauen aus der Tyrannei des Patriarchats ins gelobte Land der vaginalen Selbstbestimmung zu führen.

Hoffentlich verläuft sich die Porno-Rapperin mit zur Schau gestelltem Migrationshintergrund nicht auf ihrem langen Marsch durch die Instanzen des deutschen Fernsehens. Natürlich wird eine solche Lady in der Medienlandschaft weitergereicht. Und selbstverständlich erweckt sie Aufsehen mit geschmacklosen Texten, ekelerregenden Gesten und pornographischen Videos. Doch eines darf Reyhan Şahin ruhig zugeben: Mit weiblicher Emanzipation hat das alles nichts zu tun.

„Ich will CDs verkaufen“

Die First Lady des Porno-Rap hat lediglich die Gunst der Stunde genutzt, eine Marktlücke ausgemacht, und sich krachend hineingestürzt. Längst haben ihre männlichen Kollegen die Wirtschaftlichkeit des ordinären Sprechgesangs erkannt. So wird „Sido“ seit langem für Songs verehrt, in denen er lustvoll die Vergewaltigung von Minderjährigen umschreibt. Auch solch schwere Jungs wie „Bushido“ haben erkannt, dass sich mit hartem Image und versauten Texten eine Menge Geld und Ruhm einfahren lässt. Bushido wurde sogar vom Musiksender MTV zwei Mal in Folge zum „besten deutschen Künstler“ ernannt. Seine Schmutzwäsche lässt er allerdings noch immer von Mutti waschen.

Eine Frau gab es in diesem Metier bisher noch nicht – bis Lady Bitch Ray ihre Chance witterte. Vom Ergeiz angetrieben, und durch ihren ausgeprägten Selbstdarstellungsdrang befördert, macht sie sich auf, den Porno-Olymp zu erklimmen. Ihr selbst erklärtes Ziel dabei lautet: „Ich will so viele CDs verkaufen wie möglich“, ach ja, und en passant noch die Frau aus der vom Manne verschuldeten Unmündigkeit befreien. Jedenfalls, sofern neben kamerafixiertem Stöhnen und Shopping-Touren dafür überhaupt noch Zeit bleibt.

(c) europolitan.de