Archiv für Januar 2008

Deutschland sucht den Superstar 5.0

Januar 24, 2008

‘Deutschland sucht den Superstar’ geht in seine fünfte Runde. Mit der wöchentlichen Dosis Dieter Bohlen hat die Fernsehnation endlich ihr polarisierendes Zugpferd zurück. In gewohnter Regelmäßigkeit erwartet uns nun wieder eine neue Generation von Talenten, enttäuschten Erwartungen und derben Sprüchen. Also alles wie immer – nur etwas härter.

(Illustration von Hendrik Berends)

Im Grunde hat sich nicht viel verändert bei der quotenträchtigsten Casting-Show im deutschen Fernsehen. Noch immer wimmelt es im Studio von sich selbst maßlos überschätzenden Jugendlichen, dümmlichen Kommentaren von Dieter Bohlen, und Tränen der Enttäuschung.

Alles wie immer…

Auch hat sich nichts daran geändert, dass die Sendung als Schaulaufen der Kuriositäten inszeniert wird. Von allen in der ersten Folge vorgestellten Superstar-Anwärtern verfügen gerade einmal drei Kandidaten über eine auch für Laien vernehmbare Gesangsbegabung.

Der bedauernswerte Rest hat entweder den Song-Text vergessen, oder kann schlichtweg nicht singen. Gerade die talentlosen Teilnehmer sind es aber, die zu Beginn einer jeden Staffel die Quote machen.

… nur etwas härter

Verändert hat sich allerdings der Umgang mit den Teilnehmern des Castings. Gemeint sind nicht die Umgangsformen der ohnehin auf Krawall gebürsteten Jury – die beleidigenden Sprüche von Bohlen gehören ja mittlerweile fest zum Repertoire der Sendung, sie beeindrucken keinen treuen Zuschauer mehr. Geändert hat sich vielmehr die szenische Darstellung der Teilnehmer. Die Gesangseinlagen außergewöhnlich schlechter Superstar-Anwärter wurden zwar schon immer gern und in voller Länge ausgestrahlt, doch toben sich die kreativen Köpfe von RTL nun auch im Bildmaterial aus.

So werden Bohlens Kommentare von entsprechend ins Material geschnittenen Animationen begleitet, welche die Beleidigung aus ihrem engen Korsett der Sprachlichkeit heben, und den Kandidaten auch visuell der Lächerlichkeit preisgeben. Vergleicht Bohlen den Gesang einer Teilnehmerin mit dem Aufschrei eines an einen elektrischen Weidezaun urinierenden Fußgängers, so blendet RTL umgehend animierte Schafe ein, die sich blökend um die Beine der Sängerin zu wuseln scheinen.

Auch darf das gellende Glockengeläut beim Eintritt einer korpulenten Kandidatin nicht fehlen, die in ihrer Aufregung offensichtlich vergessen hatte, ihre sekundären Geschlechtsmerkmale zuvor mit einem Büstenhalter zu stützen. Rasch noch ein Zoom auf die wankenden Brüste, und weiter zum nächsten Streich. Immerhin darf die Bloßgestellte der Kamera nach ihrem Rauswurf noch mitteilen, was sie über ihr einstiges Idol Dieter Bohlen gelernt hat: „Jetzt weiß ich, was Dieter wirklich ist: Er ist hart – hart wie ein Schwein“.

Restetruhe

Viele Einzelleistungen der eher untalentierten Kandidaten konnte RTL aufgrund der begrenzten Sendezeit nicht mehr vollständig ausstrahlen. Der Sender überging dieses wertvolle Material jedoch keineswegs, sondern verwertete es in der showeigenen Restetruhe.

Aus der Truhe förderte RTL zunächst einen Schnelldurchlauf der schlechtesten Kandidaten ans Tageslicht. Sodann durfte ein Quiz beklatscht werden: Hier war der Zuschauer dazu aufgefordert, auf Basis der schief intonierten Song-Schnipsel der Teilnehmer zu erraten, welches bekannte Lied gerade zu singen versucht wird.

Das war´s schon?

Etwas enttäuscht durfte das getreue TV-Publikum am Ende der Sendung dann aber doch sein. Denn es fehlte ein Auftritt einer bestimmten Person, ohne die an Dieter Bohlen schon gar nicht mehr zu denken ist: Mark Medlock!

Wenn von Medlock schon keine großen Sprünge im Showgeschäft mehr zu erwarten sind, und ihm bald ein neuer Superstar die viel zu große Krone vom Kopf reißt, hätte RTL ihn doch noch irgendwie in die aktuelle Staffel pressen können. Ein kurzer Auftritt Medlocks zwischen all den zum Scheitern verurteilten Kandidaten hätte sich sicherlich motivierend auf seine potentiellen Nachfolger ausgewirkt.

Abgerundet hätte die neue erste Folge des ewigen Massen-Castings sicherlich noch eine Wiederholung der Interpretation des Deutschlandlieds von Ex-Dschungelcamp-Bewohner DJ-Tomekk. Somit käme RTL wenigstens in einer Disziplin die Vorbildfunktion zu: beim Abfall-Recycling.

(c) europolitan.de

RTL und das Dschungelcamp

Januar 14, 2008

Endlich ist es wieder soweit: RTL hat zehn abgehalfterte Ex-Promis zusammengekehrt und sie für ein paar Kröten in die Tiefen des australischen Dschungels verbannt. Mit dabei sind unter anderem Ex-Pornostar Michaela Schaffrath (‚Gina Wild’), der in die Jahre gekommene Schlagersänger Bata Illic und Musikproduzent DJ Tomekk. Die erste Folge konnte bereits trefflich in die Lektion einführen, die dem TV-Publikum erteilt wird: Fremdschämen für Anfänger.

(Illustration von Hendrik Berends)

Für alle Fernsehzuschauer, die sich mittlerweile nicht mehr daran erinnern können, woher sie die zehn Gesichter der potentiellen Dschungel-Könige noch gleich kennen, bot RTL eine das Gedächtnis auffrischende Vorstellungsrunde an. Das klingt eigentlich nach einem Job für das abgeklärteste Mitglied der Dschungel-Truppe, Björn-Hergen Schimpf, der immerhin die Neuauflage der Sendung „Was bin ich?“ moderiert hat. Diese unbezahlbare Berufserfahrung übergehend, räumte RTL jedoch jedem mutigen Ex-Star selbst die Gelegenheit ein, sich der Kamera vorzustellen und seine Erwartungen und Befürchtungen mitzuteilen.

Der Karriere-Sumpf

Da ist zum Beispiel die ehemalige Halbfinalistin von „Deutschland sucht den Superstar“ Lisa Bund. Ein wenig aufgewühlt und mit der Wortgewandtheit einer Grundschülerin ließ Bund verlauten, dass die Zeit im Dschungel eine große Herausforderung für sie bedeute. Endlich könne sie beweisen, dass sie eben nicht die Zicke sei, für die sie in Dieter Bohlens Gesangstalent-Schmiede gehalten wurde.

Und als wäre diese einmalige Chance auf öffentliche Rehabilitierung nicht genug, verspricht sich die 19-jährige Lisa von der Show einen beruflichen Aufstieg in die Glitzerwelt der TV-Kameras. Denn eines sollte doch wohl jedem klar sein: „Das Dschungel-Camp ist ein Karriere-Sprungbrett“. Darauf hofft wohl auch Lisas „Fanbase“, deren Foto ihr als Kissenaufdruck Beistand im Camp leisten soll.

Nichts für „Frischheitsverrückte“

Nicht ganz so optimistisch gab sich Profi-Tänzerin Isabel Edvardsson. Von den Kameraleuten bestens ausgeleuchtet, verlor sie ein paar bittere Tränen in Gedenken an ihren daheim gebliebenen Freund Markus. Und das, obwohl sich die furchtlose Dschungel-Truppe noch lange nicht im Dschungel befand, sondern im luxuriösen Hotel zum Stelldichein mit Sektfrühstück zusammentrat.

Schnell fängt sich Edvardsson wieder und gerät ins Plaudern über das wirklich Wichtige im Leben: „Ich bin Frischheitsverrückt“. Deswegen nehme sie auch eine Schminkpalette und Pflegecreme mit in das Camp. Zum Pinkeln muss sie dann aber doch wie alle anderen auch auf das hygienisch eher bedenklich anmutende Plumpsklo.

Mutterglück und Schlägerei

Nachdem sich Barbara Herzsprung medienwirksam von ihrem Mann getrennt hatte, sucht auch sie nun eine neue Herausforderung. Diese will sie als selbsternannte Herbergsmutter gern annehmen. Das erste Opfer ihrer überschäumenden Mutterliebe dürfte dann wohl Lisa Bund sein, denn die habe im Gegensatz zur erfahrenen Designerin von Dirndl-Mode noch kaum Lebenserfahrung.

Probleme könnte Mama Herzsprung allerdings mit ihrem Leih-Sprössling DJ-Tomekk bekommen. Der selbstherrliche Hip-Hop-DJ charakterisierte sich selbst als besonders impulsiv und habe vor nichts im Dschungel Angst; nur davor, „jemandem auf die Fresse zu hauen“. Ein Problemkind in Herzsprungs Familienidylle? Vielleicht sollte RTL gleich noch die hauseigene „Super Nanny“ Katharina Saalfrank in den australischen Sumpf einfliegen lassen.

Paramilitärische Tuchfühlung

Nach einer vorerst letzten Nacht im luxuriösen Ambiente wurde die tapfere Mannschaft dann von zwei uniformierten Schreihälsen unsanft aus den Hotelzimmern abgeholt und zum Hubschrauberlandeplatz begleitet. Die Moderatoren Dirk Bach und Sonja Zietlow bezeichneten diese Serviceleistung bedeutungsschwanger als paramilitärischen Weckdienst.

Den RTL-Soldaten kam kurz vor dem Überflug in den Dschungel noch die Rolle zu, die zukünftigen Camp-Bewohner auf Schmuggelware hin zu filzen. Es muss nicht erwähnt werden, dass auch die Brüste von Michaela Schaffrath einer paramilitärischen Untersuchung bedurften. Entgegen ihren Gewohnheiten war es der als Gina Wild bekannt gewordene Ex-Pornodarstellerin jedoch erlaubt, ihre Bluse zugeknöpft zu lassen.

Alle Rollen verteilt

4,6 Millionen Menschen haben am Freitag zugesehen, wie Sonja Zietlow und Dirk Bach ihr Feuerwerk der Peinlichkeiten zündeten. 22,6 Prozent Markanteil sprechen dafür, dass RTL doch irgendetwas richtig gemacht haben musste. Und damit die Sendung im Laufe der nächsten zwei Wochen nicht an Zuneigung der TV-Gemeinde verliert, wählte RTL die Teilnehmer des Dschungel-Camps so geschickt aus, dass jeder auf seine Kosten kommen dürfte.

Das Theater-Ensemble ist komplett: Lisa Bund und das ehemalige „Bro´Sis“-Mitglied Ross Antony fechten miteinander aus, wer die größte Angst vor Ameisen hat und lauter schreien kann, wenn es brenzlich wird. Schlagersänger Bata Illic und Ex-Nationaltorhüter Eike Immel sind für die Mitleid-Schiene verantwortlich. Illic bricht bereits auf dem Weg zum Camp zusammen und muss ärztlich versorgt werden; Immel hat einen Hüftschaden und benötigt die Gage von RTL für eine Operation.

Michaela Schaffrath und Isabel Edvardsson spornen mit schmutziger Vergangenheit und langen Beinen das Durchhaltevermögen der Zuschauer an, und Barbara Herzsprung hängt das ganze Schauspiel gemeinsam mit Julia Biedermann in ein moralisch fundiertes Gerüst. Wer dann noch Lust auf ein bisschen Selbstüberschätzung eines vermeintlichen Nonkonformisten hat, freut sich auf weitere Höhepunkte der Männlichkeit mit DJ Tomekk.

Und wenn die beiden Camp-Moderatoren Dirk Bach und Sonja Zietlow mit Weisheiten wie „im Urwald gibt es keine Uhren, aber im Regenwald gibt es Regen“ weiterhin so stilsicher und kompetent durch die Sendung führen, sollte der sinnbefreite Fernsehabend doch für weitere zwei Wochen gerettet sein.

(c) europolitan.de