Seit gut einer Woche speist Sat.1 das neue TV-Format ‘Gnadenlos gerecht’ ins Kabelnetz ein, in dem sich zwei Sozialfahnder auf die Jagd nach skrupellosen Sozialschmarotzern machen. Eine peinliche Sendung, die am angekündigten Skandal vorbeirauscht.
Helena Fürst und Helge Hofmeister sind ehrliche Menschen. Sie leben nach klaren Regeln, verehren die deutsche Genauigkeit, und haben ein unumstößliches Gespür für die wahren Ungerechtigkeiten des Alltags. Genau diese Eigenschaften qualifizieren sie dazu, hinterhältigen Hartz IV-Betrügern das Handwerk zu legen. Wo auch immer in Deutschland ein eiskalter Arbeitsloser sein Unwesen treibt und den Staat hinters Licht zu führen versucht, sind die beiden Sozialfahnder zur Stelle.
Gnadenlos gerecht
Einen wichtigen Bestandteil der Sendung machen besorgte Mitbürger aus, die sich rührend um ihre Nachbarn kümmern, und sie per anonymem Anruf bei den schwer arbeitenden Sozialfahndern anschwärzen. Harte Fakten zählen hier natürlich nicht. Es reicht ein Verdacht, um Helena und Helge in Bereitschaft zu versetzen.
Helena kann sich sogar vor Anrufen selbstgerechter Denunzianten gar nicht mehr retten und muss die meisten Informanten immer wieder vertrösten. Denn sie kann immer nur einen potenziellen Betrugsfall nach dem anderen lösen. „Wir können uns ja schließlich nicht zwei- oder dreiteilen“, poltert Helena.
Gnadenlos belanglos
Eine junge Frau beantragt beim Offenbacher Amt einen neuen Staubsauger? – Der Bedarf muss selbstverständlich mediengerecht geprüft werden. Das macht einen Hausbesuch von Helena und Helge notwendig. Und siehe da, die junge Dame hat überhaupt keinen Teppich in ihrer Wohnung, der gesaugt werden müsste. Ein Skandal! Gut, dass es die knallharten Sozialfahnder gibt!
Eine Familie bezieht Hartz IV, verfügt aber laut Aussage eines anonymen Anrufers über ein Haus in Italien? Ein schier ungeheurlicher Vorwurf, dem Helena und Helge natürlich vor Ort auf den Grund gehen müssen. Schnell eine unumgängliche Dienstreise beantragt und kurzfristig zwei Flugtickets im Reisebüro gekauft – auf Staatskosten versteht sich. Immerhin verzichtet der lange Helge auf die gemütlichen XXL-Sitze im Flugzeug und spart dem Steuerzahler satte 25 Euro.
Gnadenlos peinlich
Ein Leihwagen in Italien muss dafür aber schon drin sein. Leider hat das schwarze Gefährt jedoch bereits eine Delle am Kotflügel; doch auch dieser Rückschlag kann die genügsamen Wächter des Sozialstaats nicht von ihrer Mission abhalten. Vielmehr regt der Unfallwagen zum philosophischen Gedankenaustausch über den südländischen Straßenverkehr an, der laut Helge ungeniert als die am besten funktionierende Anarchie der Welt bezeichnet werden kann.
Da hat sich Sat.1 wirklich ins Zeug gelegt und zwei gelungene Witzfiguren geschaffen. Eine so treffende Parodie auf deutsche Einfältigkeit, Pedanterie, Selbstgerechtigkeit, Intoleranz und Missgunst gab es schon lange nicht mehr öffentlich zu bestaunen.
Doch was wäre, wenn Sat.1 diese Sendung wirklich ernst gemeint hätte? Was wäre zu tun, wenn ‘Gnadenlos gerecht’ keine Comedy-Reihe, sondern ein hochexplosives TV-Gemisch sein sollte, das die konsequente Stigmatisierung von Hartz IV-Empfängern vorführt? Müsste eine solche Skandal-Sendung nicht abgesetzt werden? Eine andere Lösung liegt dann doch näher auf der Hand: Wenn sich die Sozialfahnder schon nicht selbst zwei- oder dreiteilen können, so könnte sie doch zumindest jemand anderes fürsorglich vierteilen.
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