RTL-Dschungelcamp 2009

By chgloeckner

RTL hat erneut zehn verbrauchte Ex-Promis aus den Annalen des deutschen Unterhaltungsfernsehens gehoben und sie in den hauseigenen Dschungel verfrachtet. Auch in der mittlerweile vierten Staffel des Ekel-Formats dürfen die Kandidaten Tier-Innereien abschmecken und sich in ermüdenden Prüfungen mit ihren Phobien konfrontieren. Für die einen purer Trash – für die anderen Qualitätsfernsehen der Güteklasse A.

Thematisch lässt sich die versammelte Dschungel-Gesellschaft in die aufregenden Kategorien Sex und Knast differenzieren, die neben den üblichen Standbeinen der Sendung – Lästereien, Ekel und die unerträgliche Entbehrung des alltäglichen Wohlstands – prominent inszeniert werden.

Geschichten aus dem Knast

Mit Günther Kaufmann und Ingrid van Bergen kämpfen sich gleich zwei Kandidaten mit Gefängniserfahrung durch das tropische Dickicht. Auch wenn Kaufmann drei Jahre unschuldig hinter Gittern verbrachte, macht seine dubiose Vergangenheit mächtig Eindruck. Um seine krebskranke Frau zu decken, ließ sich Kaufmann zu einer Falschaussage hinreißen und belastete sich selbst, einen Mord begangen zu haben.

Auch Ingrid van Bergen kann ihren Mitstreitern aus fünf Jahren zähen Knastlebens berichten. 1977 machte sie sich des Totschlags im Affekt an ihrem damaligen Lebensgefährten schuldig und beantwortet interessierten Camp-Bewohnern im Schutze grüner Palmenblätter heikle Fragen zum umstrittenen Vorfall. Das schafft Quote!

Sex sells

Als hätten diese zweifelhaften Anekdoten nicht genug Potenzial, die allabendlichen Stunden vor dem Fernseher auszufüllen, spickt RTL den Dschungel sicherheitshalber noch mit einer ordentlichen Portion Sex. So engagierte der Sender mit Peter Bond (Künstlername) einen wahren Pionier des Pornogenres, der beim einschlägigen Fachpublikum bereits in den 1970er Jahren mit Filmen wie „Lauras Gelüste“ zur bekannten Genregröße aufstieg.

Neben diesem Urgestein des pornographischen Schauspiels haben es die anderen Dschungelkämpfer nicht gerade leicht, sich in der Sex-Nische zu behaupten. Ein passender Name reicht dazu allein nicht aus, wie Nico Schwanz (kein Künstlername) beweist. Nachdem sich die Kalauer-Euphorie um Nicos mutigen Hausnamen nun zu legen scheint, tritt er zunehmend in den Hintergrund des Geschehens.

Einzig Lorielle London, einigen Zuschauern sicherlich noch als „Deutschland sucht den Superstar“-Kandidat Lorenzo bekannt, könnte Bond die Show stehlen. Als dauerlästernde Transe hat sie/er die besten Chancen auf den Thron. Vor allem, wenn London weiterhin mit affinen Prüfungen wie das Trinken eines pürierten Känguru-Penis versorgt wird.

Selbstloses Qualitätsfernsehen

Dass RTL mit dem Dschungel-Format in die vierte Runde geht, ist keine Selbstverständlichkeit. Zwar erreicht der Sender mit den mittlerweile bekannten Tabubrüchen hohe Einschatquoten, doch spülen sie aufgrund zurückhaltender Werbepartner nur wenig Geld in die Kassen. So lassen sich schwerlich Unternehmen finden, die ihr Produkt in den Kontext von Kanguru-Hoden oder stinkendem Fischabfall einbinden möchten.

Allein die Einschätzung, dass RTL am Dschungelcamp kein Geld verdient, motiviert das Online-Medienmagazin DWDL dazu, den Sender als selbstlosen Held der Medienbranche zu adeln. Die Reality-Show sei „hervorragendes Fernsehen“, eine „Produktion auf höchstem Niveau“, zu deren Konsum sich der Zuschauer ruhig öffentlich bekennen solle, ohne ein schlechtes Gewissen vortäuschen zu müssen.

Sicherlich wird das treue Dschungelcamp-Publikum kein Problem damit haben, zu seiner Schwäche für penisessende Ex-Promis zu stehen. Doch so verblendet, das grundpeinliche Trash-Format aus dem australischen Unterholz für Qualitätsfernsehen zu halten, wird selbst die gutgläubigste Fernseheule nicht sein.

(c) europolitan

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