Archiv für die Kategorie ‘Kino-Kritik’

Die Simpsons – Der Film – Zwischen Humor und Anspruch

Juli 25, 2007

Die Simpsons sind die erfolgreichste Zeichentrickfamilie der TV-Geschichte. Nach bisher über 400 Folgen haben Produzent Matt Groening und sein Team nun ihr Opus Magnum vorgelegt: Ein gelungenes Werk mit stilvollem Witz und politischen Pointen.

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Die knapp eineinhalb Stunden des Films vergehen so rasch wie die durchschnittlichen 22 Minuten einer Simpsons-Episode. Außer der Länge unterscheidet den Streifen allerdings nicht viel von den gewohnten Simpsons-Folgen im täglichen Vorabendprogramm. Warum sollten die Drehbuchautoren auch vom Erfolgsrezept abweichen? Dem Fan wird genau das vorgeführt, wofür er die Simpsons seit Jahren liebt: schwarzer Humor, perfektes Timing und intelligente Anspielungen auf das machtbesessene politische System der USA.

Mit Homer in die Katastrophe

Familienvater Homer mag Tiere für gewöhnlich nur gebraten auf dem Teller. Bei einem Restaurantbesuch zu Beginn des Films verliebt er sich jedoch kurzerhand in ein lebendiges Schwein und nimmt es als neues Familienmitglied nicht nur in sein Herz, sondern auch in sein Haus auf. Fortan kümmert sich Homer mehr um das Wohlergehen des schweinischen Neuzugangs als um seinen eigenen Sohn. Selbst für die eher unangenehme Entsorgung der Tier-Exkremente findet Homer eine Lösung: ein selbstgebautes Silo im eigenen Garten.

Gattin Marge, synchronisiert von Komikerin Anke Engelke, sträubt sich gegen die bereits überlaufende Freiluft-Toilette und bittet Homer darum, sie sachgemäß zu entsorgen. Das Familienoberhaupt kippt das Silo allerdings lediglich in den See von Springfield und verursacht damit prompt eine Umweltkatastrophe.

Das gläserne Gefängnis

Die amerikanische Umweltbehörde EPA (Environmental Protection Agency) sieht angesichts dieses Desasters Handlungsbedarf und löst das Problem, indem sie mit Unterstützung der Regierung eine überdimensionale Glaskuppel über die Stadt stülpt und Springfield somit von der Außenwelt abschneidet. Verärgert machen sich die Einwohner der Kleinstadt nun auf und jagen in einem gewaltigen Fackelzug den Verursacher dieser Katastrophe.

Homer kann dem aufgebrachten Mob mit seiner Familie in letzter Sekunde entkommen, findet einen Weg aus der Glaskuppel und flüchtet nach Alaska. Marge wird in der einsamen Idylle jedoch vom Gewissen eingeholt und fasst den Entschluss, ihre Heimatstadt vor dem sicheren Untergang zu retten. Homer mutiert letztlich vom verhassten Auslöser der Katastrophe zum gefeierten Helden einer Stadt, die sich aus den Fesseln einer machtbesessenen Regierung zu befreien vermag.

Humor und Timing

Neben zahlreich eingestreuten Pointen, die Simpsons-Fans bereits aus der Serie gewohnt sind, punktete Matt Groening vor allem mit überraschenden Wendungen in der Dramaturgie. In einer Sternstunde des Films geht Bart die Mutprobe ein, nackt auf seinem Skateboard durch die Stadt zu rasen. Soweit ist das noch nichts Besonderes, denn Simpsons-Charaktere sprangen in den 18 Staffeln schon häufig unbekleidet über den Bildschirm. Doch stets wurde ihre Scham von einem Schild, einem Pfosten oder einem Busch verdeckt.

So blieb dem Zuschauer zunächst auch im Film der Blick auf Barts Genital durch Mauern, Passanten und Autos verwehrt. Doch dann reißt Groening die Diskretion zu Boden und lässt Bart an einer Hecke entlangflitzen, die ausgerechnet und ausschließlich auf Höhe seines Geschlechts durchsichtig ist. In dieser brillanten Szene sieht der Kinogänger sekundenlang nichts anderes als Barts Penis in Leinwandgröße.

Gelbe Systemkritik

Vor allem die späteren Simpsons-Episoden sparen nicht an politischen Anspielungen und Regierungskritischen Kommentaren. Auch im Film beweisen Groening und die Drehbuchautoren besonderes Geschick in der Einflechtung gelber Systemkritik. Mehr noch: Der gesamte Plot der Verfilmung ist in ein hochpolitisches Fundament gelassen. Das gesamte Abenteuer der gelben Einwohner wird von einer selbstverschuldeten Umweltkatastrophe losgetreten und durch die Unfähigkeit der Regierung, adäquat mit Krisensituationen umzugehen, lebendig gehalten.

Dabei gelingt den Simpsons-Machern eine intelligente Systemkritik ohne moralisierenden Zeigefinger. Der Umweltverschmutzer ist kein Fiesling, den es zu verachten gilt, sondern Homer, die wohl beliebteste Figur der ganzen Zeichentrickserie. Und die amerikanische Regierung wird nicht etwa mit moralischen Stilmitteln verurteilt, wie es beispielsweise in Filmen Michael Moores geschieht, sondern mittels wohldosierten schwarzen Humors entlarvt.

Schwarzenegger als ahnungsloser Präsident

Zumindest im Film wurde das Szenario realisiert, was den Amerikanern per Gesetz bisher noch verwehrt bleibt: ein ausländischer Präsident. Arnold Schwarzenegger hat es vom kalifornischen Gouverneur zum Staatsoberhaupt geschafft und regiert sein Volk auf Zuruf seiner Berater.

Aus fünf Vorschlägen des EPA-Beraters wählt Schwarzenegger eine Lösung für die Umweltkatastrophe in Springfield aus, ohne auch nur ein Konzept vorher gelesen zu haben. Seine gleichsam impulsive wie ahnungslose Entscheidung für die Glaskuppel begründet er mit seinem Regierungsverständnis: „Ich bin hier, um zu lenken, nicht um zu lesen“.

Synchronisation der deutschen Version

Inhaltlich funktionieren diese Pointen sicherlich auch in der deutschen Fassung des Simpson-Films. Leider lässt es sich jedoch nicht vermeiden, dass ein großer Anteil des Wortwitzes der Dialoge auf dem Weg der Synchronisation verloren geht. Schwarzeneggers eben genanntes Statement klingt im englischen Original einfach überzeugender: „I´m here to lead, not to read“.

Ein anderer Schwachpunkt ist gewiss die neue deutsche Stimme von Marge Simpson. An die Stimme von Elisabeth Volkmann gewöhnt, rothaarige Mutter der „Klimbim“-Familie in der gleichnamigen Fernsehserie, bedarf die Engelke-Intonation noch einiger Gewöhnung. Nach dem Tod Volkmanns im Juli 2006 trat Engelke, die bereits dem unter Amnesie leidenden Palettendoktorfisch Dorie im Animationsfilm „Findet Nemo“ ihre Stimme verlieh, in diesem Jahr die Nachfolge Volkmanns an.

Die Simpsons – Der Film: Ein lohnenswerter Zeichentrickfilm von kreativen Köpfen, die ihr Handwerk wahrlich beherrschen. Wer des Englischen mächtig ist, sollte sich jedoch besser mit der Originalversion verwöhnen und somit in den vollen Genuss des gelben Wahnsinns kommen.

(c) europolitan

Live Free or Die Hard – Stirb Langsam 4.0

Juni 27, 2007

Zwölf Jahre sind vergangen, seit Bruce Willis zuletzt Terroristen den Kampf angesagte. Jetzt ist er wieder in seine Paraderolle ‘John McClain’ geschlüpft. Er bekämpft Cyber-Terrorismus und mimt den im neuzeitlichen Digital-Krimi verfangenen Actionhelden.

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Bereits bei Eintritt in die Kino-Lounge wird der gespannte Zuschauer von den Ticket- und Popcorn-Verkäufern unmittelbar auf Kurs gebracht. Auf den T-Shirts der Kino-Crew prangt der Spruch, den Detective John McClane seinen Gegnern noch in jedem seiner Abenteuer halb schmunzelnd ins Ohr flüstert, bevor er zum finalen Gegenschlag ausgeholt: „Yippie-Ya-Yeah Schweinebacke!“ Spätestens jetzt sollte dem Kinogänger klar geworden sein, was ihn erwartet: ein rasanter Actionfilm, gespickt mit trockenem Humor.

Die neue Gefahr: Cyber-Terrorismus

Die Plot ist rasch erzählt: Cyber-Terrorist Thomas Gabriel führt ganz Amerika vor, wie sehr sich die Menschheit mittlerweile von der IT-Infrastruktur abhängig gemacht hat. Diese Lektion soll die Bevölkerung ausgerechnet am 4. Juli, dem US-amerikanischen Unabhängigkeitstag lernen.

Computerexperte Gabriel verschafft sich die alleinige Vollmacht über sämtliche Kommunikationsnetze, das Transportwesen und die Stromversorgung Nordamerikas. Einzig John McClane ist in diesem Chaos Manns genug, dem virtuellen Terror die blutverschmierte Stirn zu bieten. An seiner Seite ein junger Computer-Freak als neuzeitlicher Helfer, der McClanes Wissenslücken beim technologischen Fortschritt wett zu machen versucht.

Als der junge Hacker Matt Farrell einen Job vollendet und seiner Auftragsgeberin übers Internet den gewünschten Code zusendet, ahnt Farrell noch nicht, dass er nur Werkzeug einer terroristischen Vereinigung geworden und bereits dem Tod geweiht ist. Wie sieben seiner Hacker-Freunde soll auch Matt nach getaner Arbeit umgebracht werden – doch die Terroristen hatten einen Mann nicht auf der Rechnung: Detective John McClane.

Bruce Willis im Action-Wahn

In humorvoller Manier befreit McClane den unreifen Computer-Freak vorerst aus den Fängen der virtuellen Gegner und nimmt gemeinsam mit seinem Schützling die Herausforderung an, Amerika vor einer digitalen Katastrophe zu retten. Was jetzt kommt, ist eine zweistündige actiongeladene Hetzjagd auf einen unnahbar erscheinenden Feind. Reichlich verbeulte Autos und zerberstende Brücken säumen den Weg des Actionhelden durch Amerikas Hauptstadt.

Zu Beginn freut sich der Zuschauer noch über die einleitende Explosion und erste blutige Schrammen in McClanes Gesicht nach gefühlten zwei Minuten Spielzeit. Auch als McClane eine Frau verprügelt und sie anschließend in einem Fahrstuhlschacht versenkt bleibt das Publikum bei der Stange. Als der dann Held mit seinem Auto gar einen Helikopter vom Himmel holt, geht jedoch die Phantasie mit Regisseur Len Wiseman vollends durch, und McClane duelliert am Steuer seines Sattelschleppers gar mit einem F-14-Bomber.

Analog gegen digital

Doch der Film bietet nicht nur fulminante Actionszenen, viele Tote und trockenen Humor, er streicht die letztliche Hilflosigkeit eines Actionhelden der achtziger Jahre im Umgang mit Hightech heraus. Hier geht es nicht mehr nur um die Unterscheidung „gut gegen böse“. John McClane entstammt einem anderen Zeitalter, er hat wie viele seiner Generation die technologische Entwicklung völlig verschlafen und sieht sich nun einer Gefahr ausgesetzt, die nicht mehr nur von Kofferbomben oder Granaten ausgeht, der Schrecken verbreitet sich vielmehr per Mausklick.

Der traditionelle Actionheld muss gegen eine virtuelle Übermacht antreten. Nun heißt es: Alt gegen Neu, analog gegen digital, Faust gegen Tastatur. Diese Unterscheidungen werden im gesamten Film aufrecht gehalten: Während Computer-Freak Matt Farrell klassische Rockmusik verabscheut, dreht McClane das Radio lauter, wenn die 60er Jahre Rockband Creedence Clearwater Revival zur Gitarre greift.

Als zwei Hacker über PC-Probleme fachsimpeln, steht John ahnungslos daneben und fragt genervt: „Wovon redet ihr Typen?“. In einer anderen Szene hält McClane seine Hand vor eine Webcam, geht davon aus, dass er mit dieser Sichtbehinderung auch die Audiokanäle der Internetverbindung kappt und verrät sein weiteres Vorgehen bei der Jagd nach den Cyber-Terroristen.

Ganz deutlich wird das Gefälle zwischen Modernität und McClanescher Steinzeit, als Terrorist Gabriel ihm mit einem digitalen Anschlag droht, dessen Auswirkung sich McClane gar nicht vorstellen könne. John versucht den Rivalen im Gegenzug mit dem Vorhaben einzuschüchtern, zu ihm zu kommen, um ihm einen „Tritt in den Arsch“ zu verpassen.

Virtueller Terror gegen reale Prügel: Genau diese Rückständigkeit ist es, die McClane letztlich –vor allem auch älteren Action-Fans – so sympathisch macht. Handfeste Argumente besiegen letztlich auch das virtuellste Geplänkel. Dass die Filmproduzenten bei den Dreharbeiten in hohem Maße auf computerisierte Bearbeitungs- und Produktionstechniken bauen, tut dem Spektakel keinen Abbruch und sei den Machern sodann verziehen.

Verfilmung einer aktuellen Thematik

Abgesehen vom Unterhaltungswert, spielt der Film auf ein aktuelles Thema an. Cyber-Terrorismus als Gefahr zu betrachten ist derzeit nicht nur in Hollywood ein prominenter Gedanke. Tatsächlich trainieren Sicherheitsexperten des Pentagons bereits, um gegen einen potentiellen digitalen Anschlag gerüstet zu sein.

Und nicht nur Boulevardsender beschäftigen sich in TV-Berichten mit dieser Vorstellung, auch renommierte Kultur-Sender wie Arte befragen mittlerweile Experten ganze Themenabende lang zu möglichen Auswirkungen virtuellen Terrors. Der Film gibt somit bei all den unrealistischen Action-Szenen dennoch zu denken und stellt letztlich wirkungsvoll die Frage nach unserer Verletzlichkeit im digitalen Zeitalter.

(c) europolitan