Archiv für die Kategorie ‘TV-Kritik’

RTL-Dschungelcamp 2009

Januar 17, 2009

RTL hat erneut zehn verbrauchte Ex-Promis aus den Annalen des deutschen Unterhaltungsfernsehens gehoben und sie in den hauseigenen Dschungel verfrachtet. Auch in der mittlerweile vierten Staffel des Ekel-Formats dürfen die Kandidaten Tier-Innereien abschmecken und sich in ermüdenden Prüfungen mit ihren Phobien konfrontieren. Für die einen purer Trash – für die anderen Qualitätsfernsehen der Güteklasse A.

Thematisch lässt sich die versammelte Dschungel-Gesellschaft in die aufregenden Kategorien Sex und Knast differenzieren, die neben den üblichen Standbeinen der Sendung – Lästereien, Ekel und die unerträgliche Entbehrung des alltäglichen Wohlstands – prominent inszeniert werden.

Geschichten aus dem Knast

Mit Günther Kaufmann und Ingrid van Bergen kämpfen sich gleich zwei Kandidaten mit Gefängniserfahrung durch das tropische Dickicht. Auch wenn Kaufmann drei Jahre unschuldig hinter Gittern verbrachte, macht seine dubiose Vergangenheit mächtig Eindruck. Um seine krebskranke Frau zu decken, ließ sich Kaufmann zu einer Falschaussage hinreißen und belastete sich selbst, einen Mord begangen zu haben.

Auch Ingrid van Bergen kann ihren Mitstreitern aus fünf Jahren zähen Knastlebens berichten. 1977 machte sie sich des Totschlags im Affekt an ihrem damaligen Lebensgefährten schuldig und beantwortet interessierten Camp-Bewohnern im Schutze grüner Palmenblätter heikle Fragen zum umstrittenen Vorfall. Das schafft Quote!

Sex sells

Als hätten diese zweifelhaften Anekdoten nicht genug Potenzial, die allabendlichen Stunden vor dem Fernseher auszufüllen, spickt RTL den Dschungel sicherheitshalber noch mit einer ordentlichen Portion Sex. So engagierte der Sender mit Peter Bond (Künstlername) einen wahren Pionier des Pornogenres, der beim einschlägigen Fachpublikum bereits in den 1970er Jahren mit Filmen wie „Lauras Gelüste“ zur bekannten Genregröße aufstieg.

Neben diesem Urgestein des pornographischen Schauspiels haben es die anderen Dschungelkämpfer nicht gerade leicht, sich in der Sex-Nische zu behaupten. Ein passender Name reicht dazu allein nicht aus, wie Nico Schwanz (kein Künstlername) beweist. Nachdem sich die Kalauer-Euphorie um Nicos mutigen Hausnamen nun zu legen scheint, tritt er zunehmend in den Hintergrund des Geschehens.

Einzig Lorielle London, einigen Zuschauern sicherlich noch als „Deutschland sucht den Superstar“-Kandidat Lorenzo bekannt, könnte Bond die Show stehlen. Als dauerlästernde Transe hat sie/er die besten Chancen auf den Thron. Vor allem, wenn London weiterhin mit affinen Prüfungen wie das Trinken eines pürierten Känguru-Penis versorgt wird.

Selbstloses Qualitätsfernsehen

Dass RTL mit dem Dschungel-Format in die vierte Runde geht, ist keine Selbstverständlichkeit. Zwar erreicht der Sender mit den mittlerweile bekannten Tabubrüchen hohe Einschatquoten, doch spülen sie aufgrund zurückhaltender Werbepartner nur wenig Geld in die Kassen. So lassen sich schwerlich Unternehmen finden, die ihr Produkt in den Kontext von Kanguru-Hoden oder stinkendem Fischabfall einbinden möchten.

Allein die Einschätzung, dass RTL am Dschungelcamp kein Geld verdient, motiviert das Online-Medienmagazin DWDL dazu, den Sender als selbstlosen Held der Medienbranche zu adeln. Die Reality-Show sei „hervorragendes Fernsehen“, eine „Produktion auf höchstem Niveau“, zu deren Konsum sich der Zuschauer ruhig öffentlich bekennen solle, ohne ein schlechtes Gewissen vortäuschen zu müssen.

Sicherlich wird das treue Dschungelcamp-Publikum kein Problem damit haben, zu seiner Schwäche für penisessende Ex-Promis zu stehen. Doch so verblendet, das grundpeinliche Trash-Format aus dem australischen Unterholz für Qualitätsfernsehen zu halten, wird selbst die gutgläubigste Fernseheule nicht sein.

(c) europolitan

‘Gnadenlos gerecht’: Sat.1 auf der Jagd nach ‘Sozialschmarotzern’

August 28, 2008

Seit gut einer Woche speist Sat.1 das neue TV-Format ‘Gnadenlos gerecht’ ins Kabelnetz ein, in dem sich zwei Sozialfahnder auf die Jagd nach skrupellosen Sozialschmarotzern machen. Eine peinliche Sendung, die am angekündigten Skandal vorbeirauscht.

Helena Fürst und Helge Hofmeister sind ehrliche Menschen. Sie leben nach klaren Regeln, verehren die deutsche Genauigkeit, und haben ein unumstößliches Gespür für die wahren Ungerechtigkeiten des Alltags. Genau diese Eigenschaften qualifizieren sie dazu, hinterhältigen Hartz IV-Betrügern das Handwerk zu legen. Wo auch immer in Deutschland ein eiskalter Arbeitsloser sein Unwesen treibt und den Staat hinters Licht zu führen versucht, sind die beiden Sozialfahnder zur Stelle.

Gnadenlos gerecht

Einen wichtigen Bestandteil der Sendung machen besorgte Mitbürger aus, die sich rührend um ihre Nachbarn kümmern, und sie per anonymem Anruf bei den schwer arbeitenden Sozialfahndern anschwärzen. Harte Fakten zählen hier natürlich nicht. Es reicht ein Verdacht, um Helena und Helge in Bereitschaft zu versetzen.

Helena kann sich sogar vor Anrufen selbstgerechter Denunzianten gar nicht mehr retten und muss die meisten Informanten immer wieder vertrösten. Denn sie kann immer nur einen potenziellen Betrugsfall nach dem anderen lösen. „Wir können uns ja schließlich nicht zwei- oder dreiteilen“, poltert Helena.

Gnadenlos belanglos

Eine junge Frau beantragt beim Offenbacher Amt einen neuen Staubsauger? – Der Bedarf muss selbstverständlich mediengerecht geprüft werden. Das macht einen Hausbesuch von Helena und Helge notwendig. Und siehe da, die junge Dame hat überhaupt keinen Teppich in ihrer Wohnung, der gesaugt werden müsste. Ein Skandal! Gut, dass es die knallharten Sozialfahnder gibt!

Eine Familie bezieht Hartz IV, verfügt aber laut Aussage eines anonymen Anrufers über ein Haus in Italien? Ein schier ungeheurlicher Vorwurf, dem Helena und Helge natürlich vor Ort auf den Grund gehen müssen. Schnell eine unumgängliche Dienstreise beantragt und kurzfristig zwei Flugtickets im Reisebüro gekauft – auf Staatskosten versteht sich. Immerhin verzichtet der lange Helge auf die gemütlichen XXL-Sitze im Flugzeug und spart dem Steuerzahler satte 25 Euro.

Gnadenlos peinlich

Ein Leihwagen in Italien muss dafür aber schon drin sein. Leider hat das schwarze Gefährt jedoch bereits eine Delle am Kotflügel; doch auch dieser Rückschlag kann die genügsamen Wächter des Sozialstaats nicht von ihrer Mission abhalten. Vielmehr regt der Unfallwagen zum philosophischen Gedankenaustausch über den südländischen Straßenverkehr an, der laut Helge ungeniert als die am besten funktionierende Anarchie der Welt bezeichnet werden kann.

Da hat sich Sat.1 wirklich ins Zeug gelegt und zwei gelungene Witzfiguren geschaffen. Eine so treffende Parodie auf deutsche Einfältigkeit, Pedanterie, Selbstgerechtigkeit, Intoleranz und Missgunst gab es schon lange nicht mehr öffentlich zu bestaunen.

Doch was wäre, wenn Sat.1 diese Sendung wirklich ernst gemeint hätte? Was wäre zu tun, wenn ‘Gnadenlos gerecht’ keine Comedy-Reihe, sondern ein hochexplosives TV-Gemisch sein sollte, das die konsequente Stigmatisierung von Hartz IV-Empfängern vorführt? Müsste eine solche Skandal-Sendung nicht abgesetzt werden? Eine andere Lösung liegt dann doch näher auf der Hand: Wenn sich die Sozialfahnder schon nicht selbst zwei- oder dreiteilen können, so könnte sie doch zumindest jemand anderes fürsorglich vierteilen.

(c) europolitan.de

Deutschland sucht den Superstar 5.0

Januar 24, 2008

‘Deutschland sucht den Superstar’ geht in seine fünfte Runde. Mit der wöchentlichen Dosis Dieter Bohlen hat die Fernsehnation endlich ihr polarisierendes Zugpferd zurück. In gewohnter Regelmäßigkeit erwartet uns nun wieder eine neue Generation von Talenten, enttäuschten Erwartungen und derben Sprüchen. Also alles wie immer – nur etwas härter.

(Illustration von Hendrik Berends)

Im Grunde hat sich nicht viel verändert bei der quotenträchtigsten Casting-Show im deutschen Fernsehen. Noch immer wimmelt es im Studio von sich selbst maßlos überschätzenden Jugendlichen, dümmlichen Kommentaren von Dieter Bohlen, und Tränen der Enttäuschung.

Alles wie immer…

Auch hat sich nichts daran geändert, dass die Sendung als Schaulaufen der Kuriositäten inszeniert wird. Von allen in der ersten Folge vorgestellten Superstar-Anwärtern verfügen gerade einmal drei Kandidaten über eine auch für Laien vernehmbare Gesangsbegabung.

Der bedauernswerte Rest hat entweder den Song-Text vergessen, oder kann schlichtweg nicht singen. Gerade die talentlosen Teilnehmer sind es aber, die zu Beginn einer jeden Staffel die Quote machen.

… nur etwas härter

Verändert hat sich allerdings der Umgang mit den Teilnehmern des Castings. Gemeint sind nicht die Umgangsformen der ohnehin auf Krawall gebürsteten Jury – die beleidigenden Sprüche von Bohlen gehören ja mittlerweile fest zum Repertoire der Sendung, sie beeindrucken keinen treuen Zuschauer mehr. Geändert hat sich vielmehr die szenische Darstellung der Teilnehmer. Die Gesangseinlagen außergewöhnlich schlechter Superstar-Anwärter wurden zwar schon immer gern und in voller Länge ausgestrahlt, doch toben sich die kreativen Köpfe von RTL nun auch im Bildmaterial aus.

So werden Bohlens Kommentare von entsprechend ins Material geschnittenen Animationen begleitet, welche die Beleidigung aus ihrem engen Korsett der Sprachlichkeit heben, und den Kandidaten auch visuell der Lächerlichkeit preisgeben. Vergleicht Bohlen den Gesang einer Teilnehmerin mit dem Aufschrei eines an einen elektrischen Weidezaun urinierenden Fußgängers, so blendet RTL umgehend animierte Schafe ein, die sich blökend um die Beine der Sängerin zu wuseln scheinen.

Auch darf das gellende Glockengeläut beim Eintritt einer korpulenten Kandidatin nicht fehlen, die in ihrer Aufregung offensichtlich vergessen hatte, ihre sekundären Geschlechtsmerkmale zuvor mit einem Büstenhalter zu stützen. Rasch noch ein Zoom auf die wankenden Brüste, und weiter zum nächsten Streich. Immerhin darf die Bloßgestellte der Kamera nach ihrem Rauswurf noch mitteilen, was sie über ihr einstiges Idol Dieter Bohlen gelernt hat: „Jetzt weiß ich, was Dieter wirklich ist: Er ist hart – hart wie ein Schwein“.

Restetruhe

Viele Einzelleistungen der eher untalentierten Kandidaten konnte RTL aufgrund der begrenzten Sendezeit nicht mehr vollständig ausstrahlen. Der Sender überging dieses wertvolle Material jedoch keineswegs, sondern verwertete es in der showeigenen Restetruhe.

Aus der Truhe förderte RTL zunächst einen Schnelldurchlauf der schlechtesten Kandidaten ans Tageslicht. Sodann durfte ein Quiz beklatscht werden: Hier war der Zuschauer dazu aufgefordert, auf Basis der schief intonierten Song-Schnipsel der Teilnehmer zu erraten, welches bekannte Lied gerade zu singen versucht wird.

Das war´s schon?

Etwas enttäuscht durfte das getreue TV-Publikum am Ende der Sendung dann aber doch sein. Denn es fehlte ein Auftritt einer bestimmten Person, ohne die an Dieter Bohlen schon gar nicht mehr zu denken ist: Mark Medlock!

Wenn von Medlock schon keine großen Sprünge im Showgeschäft mehr zu erwarten sind, und ihm bald ein neuer Superstar die viel zu große Krone vom Kopf reißt, hätte RTL ihn doch noch irgendwie in die aktuelle Staffel pressen können. Ein kurzer Auftritt Medlocks zwischen all den zum Scheitern verurteilten Kandidaten hätte sich sicherlich motivierend auf seine potentiellen Nachfolger ausgewirkt.

Abgerundet hätte die neue erste Folge des ewigen Massen-Castings sicherlich noch eine Wiederholung der Interpretation des Deutschlandlieds von Ex-Dschungelcamp-Bewohner DJ-Tomekk. Somit käme RTL wenigstens in einer Disziplin die Vorbildfunktion zu: beim Abfall-Recycling.

(c) europolitan.de

RTL und das Dschungelcamp

Januar 14, 2008

Endlich ist es wieder soweit: RTL hat zehn abgehalfterte Ex-Promis zusammengekehrt und sie für ein paar Kröten in die Tiefen des australischen Dschungels verbannt. Mit dabei sind unter anderem Ex-Pornostar Michaela Schaffrath (‚Gina Wild’), der in die Jahre gekommene Schlagersänger Bata Illic und Musikproduzent DJ Tomekk. Die erste Folge konnte bereits trefflich in die Lektion einführen, die dem TV-Publikum erteilt wird: Fremdschämen für Anfänger.

(Illustration von Hendrik Berends)

Für alle Fernsehzuschauer, die sich mittlerweile nicht mehr daran erinnern können, woher sie die zehn Gesichter der potentiellen Dschungel-Könige noch gleich kennen, bot RTL eine das Gedächtnis auffrischende Vorstellungsrunde an. Das klingt eigentlich nach einem Job für das abgeklärteste Mitglied der Dschungel-Truppe, Björn-Hergen Schimpf, der immerhin die Neuauflage der Sendung „Was bin ich?“ moderiert hat. Diese unbezahlbare Berufserfahrung übergehend, räumte RTL jedoch jedem mutigen Ex-Star selbst die Gelegenheit ein, sich der Kamera vorzustellen und seine Erwartungen und Befürchtungen mitzuteilen.

Der Karriere-Sumpf

Da ist zum Beispiel die ehemalige Halbfinalistin von „Deutschland sucht den Superstar“ Lisa Bund. Ein wenig aufgewühlt und mit der Wortgewandtheit einer Grundschülerin ließ Bund verlauten, dass die Zeit im Dschungel eine große Herausforderung für sie bedeute. Endlich könne sie beweisen, dass sie eben nicht die Zicke sei, für die sie in Dieter Bohlens Gesangstalent-Schmiede gehalten wurde.

Und als wäre diese einmalige Chance auf öffentliche Rehabilitierung nicht genug, verspricht sich die 19-jährige Lisa von der Show einen beruflichen Aufstieg in die Glitzerwelt der TV-Kameras. Denn eines sollte doch wohl jedem klar sein: „Das Dschungel-Camp ist ein Karriere-Sprungbrett“. Darauf hofft wohl auch Lisas „Fanbase“, deren Foto ihr als Kissenaufdruck Beistand im Camp leisten soll.

Nichts für „Frischheitsverrückte“

Nicht ganz so optimistisch gab sich Profi-Tänzerin Isabel Edvardsson. Von den Kameraleuten bestens ausgeleuchtet, verlor sie ein paar bittere Tränen in Gedenken an ihren daheim gebliebenen Freund Markus. Und das, obwohl sich die furchtlose Dschungel-Truppe noch lange nicht im Dschungel befand, sondern im luxuriösen Hotel zum Stelldichein mit Sektfrühstück zusammentrat.

Schnell fängt sich Edvardsson wieder und gerät ins Plaudern über das wirklich Wichtige im Leben: „Ich bin Frischheitsverrückt“. Deswegen nehme sie auch eine Schminkpalette und Pflegecreme mit in das Camp. Zum Pinkeln muss sie dann aber doch wie alle anderen auch auf das hygienisch eher bedenklich anmutende Plumpsklo.

Mutterglück und Schlägerei

Nachdem sich Barbara Herzsprung medienwirksam von ihrem Mann getrennt hatte, sucht auch sie nun eine neue Herausforderung. Diese will sie als selbsternannte Herbergsmutter gern annehmen. Das erste Opfer ihrer überschäumenden Mutterliebe dürfte dann wohl Lisa Bund sein, denn die habe im Gegensatz zur erfahrenen Designerin von Dirndl-Mode noch kaum Lebenserfahrung.

Probleme könnte Mama Herzsprung allerdings mit ihrem Leih-Sprössling DJ-Tomekk bekommen. Der selbstherrliche Hip-Hop-DJ charakterisierte sich selbst als besonders impulsiv und habe vor nichts im Dschungel Angst; nur davor, „jemandem auf die Fresse zu hauen“. Ein Problemkind in Herzsprungs Familienidylle? Vielleicht sollte RTL gleich noch die hauseigene „Super Nanny“ Katharina Saalfrank in den australischen Sumpf einfliegen lassen.

Paramilitärische Tuchfühlung

Nach einer vorerst letzten Nacht im luxuriösen Ambiente wurde die tapfere Mannschaft dann von zwei uniformierten Schreihälsen unsanft aus den Hotelzimmern abgeholt und zum Hubschrauberlandeplatz begleitet. Die Moderatoren Dirk Bach und Sonja Zietlow bezeichneten diese Serviceleistung bedeutungsschwanger als paramilitärischen Weckdienst.

Den RTL-Soldaten kam kurz vor dem Überflug in den Dschungel noch die Rolle zu, die zukünftigen Camp-Bewohner auf Schmuggelware hin zu filzen. Es muss nicht erwähnt werden, dass auch die Brüste von Michaela Schaffrath einer paramilitärischen Untersuchung bedurften. Entgegen ihren Gewohnheiten war es der als Gina Wild bekannt gewordene Ex-Pornodarstellerin jedoch erlaubt, ihre Bluse zugeknöpft zu lassen.

Alle Rollen verteilt

4,6 Millionen Menschen haben am Freitag zugesehen, wie Sonja Zietlow und Dirk Bach ihr Feuerwerk der Peinlichkeiten zündeten. 22,6 Prozent Markanteil sprechen dafür, dass RTL doch irgendetwas richtig gemacht haben musste. Und damit die Sendung im Laufe der nächsten zwei Wochen nicht an Zuneigung der TV-Gemeinde verliert, wählte RTL die Teilnehmer des Dschungel-Camps so geschickt aus, dass jeder auf seine Kosten kommen dürfte.

Das Theater-Ensemble ist komplett: Lisa Bund und das ehemalige „Bro´Sis“-Mitglied Ross Antony fechten miteinander aus, wer die größte Angst vor Ameisen hat und lauter schreien kann, wenn es brenzlich wird. Schlagersänger Bata Illic und Ex-Nationaltorhüter Eike Immel sind für die Mitleid-Schiene verantwortlich. Illic bricht bereits auf dem Weg zum Camp zusammen und muss ärztlich versorgt werden; Immel hat einen Hüftschaden und benötigt die Gage von RTL für eine Operation.

Michaela Schaffrath und Isabel Edvardsson spornen mit schmutziger Vergangenheit und langen Beinen das Durchhaltevermögen der Zuschauer an, und Barbara Herzsprung hängt das ganze Schauspiel gemeinsam mit Julia Biedermann in ein moralisch fundiertes Gerüst. Wer dann noch Lust auf ein bisschen Selbstüberschätzung eines vermeintlichen Nonkonformisten hat, freut sich auf weitere Höhepunkte der Männlichkeit mit DJ Tomekk.

Und wenn die beiden Camp-Moderatoren Dirk Bach und Sonja Zietlow mit Weisheiten wie „im Urwald gibt es keine Uhren, aber im Regenwald gibt es Regen“ weiterhin so stilsicher und kompetent durch die Sendung führen, sollte der sinnbefreite Fernsehabend doch für weitere zwei Wochen gerettet sein.

(c) europolitan.de

Bauer sucht Frau – Trash-Schnulze oder Real-Satire

Dezember 27, 2007

Endlich ist Ruhe eingekehrt auf Deutschlands Bauernhöfen. RTL hat die Finalfolge des Quotenschlagers „Bauer sucht Frau“ im Kasten, und zieht die Kameramänner von der ländlichen Front wieder ab in die Zentrale. Was bleibt, sind zwei rührende Pärchen, sieben frustrierende Pleiten und die Frage: War das jetzt schlechte Romantik – oder beste Comedy?

(Illustration von Hendrik Berends)

Kerzenbeleuchtetes Ambiente, herzerwärmende musikalische Einspieler und der penetrante Widerhall der Attribute „romantisch“ und „liebevoll“ könnten dem geneigten Fernsehzuschauer schnell den Eindruck verschaffen, es handle sich bei der bäuerlichen Frauenjagd tatsächlich um eine rührende Reality-Show, in der es um echte Gefühle und wahre Liebe geht. Doch geübte Fernseh-Eulen haben gleich das enorme Potential der neun ledigen Bauern erkannt, mit ihren humoristischen Einlagen selbst gestandene TV-Komiker alt aussehen zu lassen.

Kommst Du mit auf meinen Hof?

Da ist zum Beispiel der als schüchtern vorgestellte Ackerbauer Jürgen, der bereits bei der Kennlern-Scheunenparty in der ersten Folge alle Register seines humoristischen Könnens zog. So lud Jürgen seine Auserwählte mit den herzerwärmenden Worten „Bisschen schlanker wäre auch schön gewesen“ für eine Woche auf seinen Bauernhof ein. Dass diese allerdings nicht von solch erfrischendem Humor beseelt war, und die Einladung unter Tränen ausschlug, konnte Jürgen vorher natürlich nicht ahnen. Da half auch keine Entschuldigung – die Liebe war verloren, bevor sie eine Chance bekam.

Leicht irritiert, aber keineswegs entmutigt begab sich Bauer Jürgen nach dieser Pleite wieder auf die Pirsch. Ein Glas Sekt im Sturzflug gekippt, und einfach die nächstbeste Hofdame bezirzt. Die überdachte den Kuhhandel zunächst zwar etwas zögerlich, stimmte nach einem weiteren Glas Perlwein dann aber doch zu, für ein paar Tage in das ehemalige Kinderzimmer von Jürgen einzuziehen. Welcher Zuschauer bis zu dieser Szene noch keinen Eimer Tränen gelacht hat, ist wohl dem vermeintlichen Romantik-Konzept von RTL auf den Leim gegangen.

„Schleichwerber Bernhard“

Auch „Rinderwirt Bernhard“ wusste, wie ein anständiges Comedy-Format zu funktionieren hat. Er inszenierte einen Streit mir seiner Herzensdame Beate, die vor den Objektiven der Kameras den Hof verließ. Mit Drehschluss trafen sich Bernhard und Beate allerdings wieder heimlich, und ohne vertragliche Zustimmung seitens RTL. Moderatorin Inka Bause fand das vielleicht nicht ganz so lustig, von den Zuschauern allerdings wird so viel widerspenstige Energie mit Freuden bejubelt.

Seinen eigentlichen Sinn für Humor entfaltete „Rinderwirt Bernhard“ aber erst dadurch, dass er sich durch geschickte Zurschaustellung seiner Trecker und Landwirtschaftsfahrzeuge eine schnelle Mark nebenher verdiente. Jedes Firmenlogo, das RTL unfreiwillig mit den Kameras einfing und sendete, brachte „Schleichwerber Bernhard“ bare Münze ein. Kein Wunder, dass Bernhard und Beate auffällig oft die Fahrzeuge waschen wollten.

„Tiere sind nichts für mich“

Als ein weiteres Highlight geht sicherlich die Bürokauffrau Alexandra in die Geschichte der Bauern-Saga ein. An der Seite von Furthi ließ sie keine Gelegenheit aus, sich als städtische Zicke zu präsentieren. Schon bei ihrer Ankunft hätte sie anstelle des Sekts-Empfangs lieber eine warme Mahlzeit gehabt. Später weigerte sie sich partout, die Hühner zu füttern: „Nee, mach die Stalltür zu, die flattern ja so“.

Kühe und Schweine waren dann auch nicht so unbedingt ihr Ding, immerhin mit den Katzen konnte sie sich anfreunden. Alexandras aufmunterndes Motto für das Leben auf dem Bauernhof ließ dann auch nicht lange auf sich warten: „Hamster beißen, Hunde müssen raus, Katzen sind perfekt“.

Wurstwasser

Den absoluten Siedepunkt erreichte die Sendung allerdings erst, als der „liebevolle Bauer Bruno“ seiner „Arzthelferin Anja“ ein erstes Festessen auf seinem Bauernhof bereiten wollte. Zielsicher griff er eine Dose Heißwürstchen aus seinem Regal im Lagerraum und marschierte damit in die Küche. Unter den prüfenden Blicken seiner Anja dachte Bruno darüber nach, wie zivilisierte Menschen derartige Würstchen nun erhitzen. Schnell war die rettende Idee gefunden: der Wasserkocher!

Mit den vor freudiger Überwältigung nur noch lachend hervorgebrachten Worten „Nein, nein, wir brauchen einen Topf“, stoppte Anja die Seebestattung der Heißwürstchen im Wasserkocher und setzte einen Kochtopf unter Dampf. Als das Wasser im Topf schließlich erste Blasen schlug, war der Fall für den hungrigen Rinderwirten Bruno klar: „Das Wasser ist gar“.

Goldesel mit Humor

RTL hat es wieder einmal geschafft – und diesmal sogar ohne Dieter Bohlen. Mit durchschnittlich 7,54 Millionen Zuschauern pro Folge (nach Angaben des Senders) war „Bauer sucht Frau“ ein fulminanter Erfolg. Die Produzenten des Privatsenders haben neben „Deutschland sucht den Superstar“ nun einen weiteren Goldesel im Stall. Da kann der Bauernpräsident Gerhard Sonnleitner noch so oft mit der Mistgabel ausholen und die Sendung als Brutstätte „dümmlicher und falscher Klischees“ über seine Bauern aburteilen. Solange die Quote stimmt, kräht kein Hahn danach.

Wenn sich RTL jetzt noch traut, dieses Format von aufgesetzter romantischer Umrahmung zu befreien und es doch als Humor zu bezeichnen, kann die Sendung siegessicher in den Kampf gegen den „Fun-Freitag“ auf Sat 1 ins Rennen um die Einschaltquote gehen.

(c) europolitan.de